Vom Traum auszusteigen und einen Neubeginn zu wagen

Als ich im Spätsommer 2015 meine Abschiedsmail schrieb, wählte ich als Einstieg das Gedicht „The Journey“ von Mary Oliver. Vor mir lag der ersehnte Neubeginn, doch schon bei den ersten Zeilen spürte ich einen mächtigen Kloß im Hals. Mir wurde in diesem Moment klar, dass es kein zurück gab.

Ich hatte mich entschieden, das Unternehmen zu verlassen, zu dem ich 24 Jahre gehörte. Meine Vision war meilenweit von dem entfernt, was ich bisher getan hatte, doch ich wusste genau was zu tun war. Ich ging los, trotz all der Stimmen, die es besser wissen wollten. Und davon gab es reichlich.

Abenteuer „Veränderung“

Ein Neubeginn klingt für viele Außenstehende wie ein Abenteuer. Manche beneideten mich um diese Entscheidung. Sie sagten, sie würden ja auch so gerne aussteigen, aber es fehle ihnen entweder die konkrete Vision oder die Sicherheit oder der Mut.

All diese Gründe kann ich gut nachvollziehen. Eine Festanstellung bringt viele Sicherheiten mit sich. Auch Annehmlichkeiten, die so selbstverständlich sind, dass die Vorstellung schwerfällt, darauf verzichten zu können.

Als ich meine Firmenzugehörigkeit gegen die Selbständigkeit tauschte, hatte mich diese Entscheidung emotional wie auch materiell fest im Griff. Ich stand kurz vor meinem 50. Geburtstag und war noch weit weg von einer vermeintlichen Sicherheit, die das Rentenalter bot. Meine Vision wurde von meinen Ängsten mehr als einmal auf die Probe gestellt.

Ich hatte die Wahl zu bleiben, und es später vielleicht zu bereuen, oder zu kündigen und neu durchzustarten.

Kennst du diese Gedanken?

Woran siehst du, dass es Zeit ist, etwas zu verändern?

Wenn Alltag und Wunschleben immer weiter voneinander wegrücken, entsteht eine Art Kluft, die wir irgendwann nicht mehr ignorieren können. Eine sehnsüchtige Suche nach einem Weg auf die andere Seite der Kluft beginnt, und es kommen Fragen hoch: „Wo führt ein Weg hin? Wird sich die Anstrengung lohnen? Was ist, wenn es nicht klappt?“

Es überrascht mich nicht, dass in unserer schnelllebigen und komplexen Welt der Wunsch nach Veränderung und gleichzeitig die damit verbundene Angst so groß sind. Viele Menschen sind in ihrer Rolle oder ihrem Beruf unglücklich und der Wunsch nach Sinn und Sicherheit ist an vielen Orten zu spüren.

Für die meisten scheint es nur ein „entweder oder“ zu geben und häufig verharren sie lange in ihrer unglücklichen Lage. Dieses Verharren ist wenig erquicklich für den Arbeitnehmer und teuer für den Arbeitgeber.

Für den „Engagement Index Deutschland“ befragt Gallup seit 2001 jedes Jahr 1000 zufällig ausgewählte Beschäftigte zu ihrer Motivation am Arbeitsplatz. Die Ergebnisse von 2018 sind ernüchternd und sprechen für sich:

71 % machen Dienst nach Vorschrift

Ein klassisches Anzeichen für tiefe Unzufriedenheit ist auch, wenn Mitarbeiter ständig rechnen, wie viele Jahre sie noch bis zur Rente haben. Oder wie sie möglichst, ohne großen finanziellen Verlust, in Frührente gehen können. Der Gedanke an die lange Zeit bis zur Rente stürzt viele regelrecht in die Verzweiflung. Sie sind unmotiviert, sitzen ihre Zeit ab und engagieren sich kaum noch. Im schlimmsten Fall ziehen sie andere Mitarbeiter mit runter.

Hilfe, holt mich hier raus

Es gibt Menschen, die ihre Freizeit vollstopfen, um sich von der empfundenen Sinnlosigkeit abzulenken. Andere erlauben sich sogar den Gedanken an „Berufsunfähigkeit“, ohne zu realisieren, dass diese Berufsunfähigkeit sie nur von einer Misere in die andere führen würde. Es scheint so, als säßen sie in einem Gefängnis und hätten keine andere Wahl. So, als sei jeder Gedanke an Veränderung grundsätzlich keine Option.

Entscheidungsunfähigkeit, Existenzängste und Antriebsschwäche sind nicht selten das Ergebnis. Auf Dauer kann das krank machen und letztendlich den erdachten Ausweg der Berufsunfähigkeit unbewusst besiegeln.

Illusion „Sicherheit“

Anstatt über das „weg-von-meinem-Job“ nachzudenken, ist es viel sinnvoller, sich einen Plan zu machen, wohin es denn gehen soll. Ich erspare euch jetzt das Zitat mit dem rechten Wind und dem nicht gehissten Segel von Seneca. Ihr wisst schon, was ich meine.

Wenn klar ist, wo ein Mensch steht, was er kann und gerne macht und was sinnvoll für ihn ist, dann ist der Rest kein Hexenwerk mehr. Für alle, die jetzt laut „ja, aber die Sicherheit“ rufen, muss ich sagen: „Sorry, aber Sicherheit ist eine Illusion. Die gibt es nirgendwo.“ Ein gewisses Risiko ist mit einer Veränderung genauso verbunden wie mit dem Bleiben.

Doch wo fängt man an?

Ein Neubeginn hat vielen Facetten und Zwischenschritte

Der Weg beginnt immer da, wo du dich gerade befindest, und dieser Ort ist, wenn ich mal bei meinem Bild mit der Kluft bleiben darf, der Abgrund.

Doch an jedem Abgrund gibt es mehr als nur vor und zurück. Wenn wir mal auf unserer Seite der Kluft bleiben, könnten wir vielleicht entdecken, dass es einen Kilometer rechts von der jetzigen Position schöner ist als am aktuellen Standort. Oder weiter links oder gar ein Stück zurück.

Wie gut kennst du dich in deinem Terrain aus? Weißt du, wo du dich sicher bewegen kannst?

Im Laufe der Jahre bin ich persönlich bei meiner Suche verschiedenen Ansätzen gefolgt. Nicht jeder Schritt hat den Abstand zur anderen Seite verringert, doch bei der Suche habe ich meine Seite der Schlucht immer besser kennengelernt. Das Beste daran war, dass ich mir selbst dabei sehr nahegekommen bin. Mehr als einmal kam ich zu der Erkenntnis, dass nicht alles so schlecht ist, wie es scheint.

Das hat automatisch auch den Blick auf die andere Seite verändert.

Die Auseinandersetzung mit dem Abgrund

Wichtig ist die Frage: Warum stehe ich dort, wo ich stehe. Und noch wichtiger ist die Frage. Warum will ich überhaupt auf die andere Seite?

Bei meiner Suche hatte ich sehr früh Yoga und Achtsamkeit entdeckt und mich in die Idee verliebt, mich ganz im Hier und Jetzt zu arrangieren. Anders ausgedrückt, ich habe mich auf meiner damaligen Seite der Schlucht eingerichtet. Das funktionierte ein paar Jahre gut und doch blieb der Wunsch nach mehr Sinn in meinen Aufgaben. Ich wechselte innerhalb des Unternehmens den Aufgabenbereich und fand diesen Sinn im People Management.

Beim Kennenlernen des eigenen Geländes kann es vorkommen, dass du an Stellen kommst, wo es fast so aussieht wie auf der anderen Seite. Es kann sein, dass der Wunsch stirbt, irgendwo anders hinzuwollen. Das ist natürlich die einfachste Lösung und funktioniert solange, bis der Wunsch nach Veränderung wiederauflebt. Wenn er nicht mehr auflebt, bist du angekommen und die Kluft schließt sich.

Beim ersten Teil der Reise geht es höchst selten um die Kluft selbst, sondern um das Ergründen des Abgrundes, an dem man sich befindet.

Als bei mir nach ein paar Jahren der Wunsch nach Veränderung wieder hochkam, begann ich, mich dann doch näher mit der anderen Seite der Schlucht zu beschäftigten. Ab da stieg ich tiefer in die Frage ein, was für mich ein optimaler Arbeitsalltag sein könnte. Ich beschäftigte mich mit dem, was mich früher schon begeistert hatte, was ich vermisste und was mir wirklich wichtig war.

Meine Achtsamkeitspraxis war in der Zeit wichtiger denn je und das tägliche Journaling brachte Klarheit und tiefe Einsichten. Es waren weniger die großen Aktionen, die den Durchbruch brachten, sondern das tägliche Auseinandersetzen mit mir – mit meinen Befindlichkeiten, meinen Stärken und Schwächen.

Eine Vision, die zu den Eigenschaften, Talenten und Werten passt

Ich erkannte mehr und mehr was ich wollte, und war bereit, Opfer dafür zu bringen. Nachdem die Richtung klar war, ging es darum, zu erkennen, wie ich dahin komme und wie ich davon leben könnte.

Diesen Part der Reise kannst du mit einem Fernglas vergleichen, das du symbolisch zur Hilfe nimmst, um mit Menschen zu sprechen, die einen solchen Schritt schon gewagt hatten.

Es ist als ob man sich virtuell in deren Landschaft bewegt, um sie zu erkunden und vielleicht Stellen zu finden, die einen viel kürzeren Abstand zur anderen Seite der Schlucht hatten.

Solche Gespräche veränderten meine persönliche Sicht zum Thema „Machbarkeit“ und ich wurde mutiger. Ich schaute mir das Leben derer an, die da waren, wo ich gerne hinwollte.

Beim genauen Hinsehen entdeckte ich Brücken, die meist wenig vertrauenserweckend über schwindelerregender Tiefen führten. Oder Pfade, die erstmal runterführten und auf der anderen Seite wieder hoch.

Also kurz und knapp – es gab unzählige Möglichkeiten, einen Weg auf die andere Seite zu finden und für jede Risikogruppe war etwas Geeignetes dabei.

Meine wichtigsten Erkenntnisse für den erfolgreichen Neubeginn

Meine wichtigste Erkenntnis war erst einmal einzusehen, dass es nicht hilfreich ist, unbeweglich auf der Stelle zu stehen, zu lamentieren und darauf zu warten, dass jemand die Brücke baut. Das kann passieren, ist aber höchst unwahrscheinlich.

Die zweitwichtigste Erkenntnis war, zu erkennen, was genau ich nicht mehr wollte und dann herauszufinden, ob auf der anderen Seite der Schlucht womöglich das gleiche wartet, nur in einer anderen Verpackung.

Die drittwichtigste Erkenntnis war, dass jede Veränderung eine Entwicklung ist, d.h. ein Prozess, der äußerst selten von heute auf morgen geht. Es sei denn aus der Not, durch Einflüsse von außen (wie z.B. durch Entlassung oder Werksschließung) oder durch die totale Rebellion von innen (z.B. Krankheit oder Erschöpfung).

In meinem Fall ging die Veränderung nicht über Nacht, und meine Geduld wurde belohnt. Mein Mut und meine Zuversicht wuchsen im Laufe der Zeit, und ich konnte die Zeit und viele Möglichkeiten nutzen, um zu lernen und mich vorzubereiten. Rückblickend war es ein Segen, dass ich den Ausstieg nicht vom Knie abgebrochen hatte, denn so begann mein Neubeginn nicht bei null und das gab mir Sicherheit in der Anfangsphase.

Jeder Neubeginn ist erst mal das Ende eines „WIR“

Als meine Entscheidung, zu gehen, stand, gab es zwischen meinen bleibenden Kollegen und mir natürlich immer noch diese Kluft. Ich stand nun erst einmal alleine auf meiner Seite und fühlte mich oft heimatlos. Ich schaute nach Brücken, die mich mit der früheren Welt verbanden und wollte unbedingt den Kontakt halten. Teils, weil mir die Menschen ans Herz gewachsen waren und teils, um ein bisschen von diesem Sicherheits- und WIR-Gefühl zu behalten.

Auch wenn mich meine neue Tätigkeit erfüllte und ich wusste, dass es die richtige Entscheidung war, fiel es mir unglaublich schwer, von diesem Klippenrand wegzugehen und meine Reise wirklich anzutreten.

Ich war zwar offiziell weg, blieb aber dennoch in Sichtweite.

Diejenigen, die schon mal einen Neubeginn gewagt haben, wissen, dass sich dieser Sturm der Einsamkeit früher oder später legen wird. Und wenn die Trauerphase erst einmal abgeschlossen ist, kann die wirkliche Reise beginnen.

Es werden neue Verbindungen geknüpft und nach und nach wird auch ein neues „WIR“ entstehen.

Ein Neubeginn für Ungeduldige und Menschen in Not

Wenn du ungeduldig oder in Not bist, dann nimm dir Unterstützung von Menschen, die Erfahrung mit Veränderungen haben. Vielleicht magst du dir einen Coach suchen? Jeder Mensch hat eine persönliche Geschichte, individuelle Bedürfnisse und einen ureigenen Weg. Ein Coach kann wertvolle Fragen stellen und dir helfen, deinen eigenen Wegweiser zu finden. Das kann ein Neubeginn, eine leichte Korrektur oder was auch immer sein. Ob du den Weg dann gehst, liegt bei dir und du bist auch der einzige Mensch, der sagen kann, wann sich etwas richtig anfühlt.

Viele Menschen kommen zu mir ins Coaching, weil sie wissen, dass ich mit 50 eine erfolgreiche Karriere an den Nagel gehängt habe, um meiner Berufung zu folgen. Für sie bin ich der Beweis, dass ein Neubeginn auch in einer späteren Lebensphase noch sehr gut funktionieren kann. Das macht ihnen Mut.

Such dir deine persönlichen Mutmacher!

Die Reise lohnt sich! Egal ob du die Kluft überwindest oder feststellst, dass du schon auf der richtigen Seite bist. Manchmal reicht es, die Einstellung zu korrigieren. Und manchmal ist der Weg auf die andere Seite, die einzig wahre Lösung.

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