Journaling: Die etwas andere Art zu schreiben

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Journaling ist eine großartige Methode, um sich nicht im Strudel der Gedanken und Gefühle zu verlieren, die jeden Augenblick durch unseren Körper rauschen. Mit folgender Übung kannst du auf einfache Weise in dich horchen, dich beim Denken beobachten und deinen Horizont erweitern.

Ein Satzanfang stellt die Weichen

Unser Geist hat die Eigenschaft, den Beginn eines Satzes zu Ende bringen zu wollen. Man setze uns einen beliebigen Satzanfang vor, wie zum Beispiel:

„Ich genieße es, wenn…“

und wir führen ihn automatisch fort. Dieser Satzanfang bringt einen Schreibprozess in Gang, der in uns ein Wissen zu Tage bringen kann, von dem wir nicht ahnten, dass wir es haben.

Gedanken fließen ungefiltert

Der Schreibprozess beim Journaling unterscheidet sich von der Art zu schreiben, die wir gewohnt sind. Normalerweise denken wir zuerst über das nach, was wir schreiben wollen, und setzen danach den Stift aufs Papier. Beim Journaling ist das anders. Wir haben einen Satzanfang vor uns und beginnen unmittelbar mit dem Schreiben.

Für eine festgelegte Zeit (2-5 Minuten) bringen wir ohne Innezuhalten alles zu Papier, was uns zu diesem Satz und darüber hinaus, gerade in den Sinn kommt. Idealerweise schreiben wir in ganzen Sätzen, so wie wir denken. Das Erleben und Darüberschreiben passiert also im gleichen Augenblick, wodurch wir kaum Zeit zum Nachdenken haben. Das hat den Vorteil, dass wir nicht bewerten, was wir schreiben. Nachdenken ist, wie das Wort „nach“ schon sagt, ein Rückblick und meist mit einer wertenden Analyse von Gefühlen oder Gedanken verbunden. Dieses Bewerten hindert uns daran, stehenzulassen, was gerade ist. Wenn wir die Methode des Journalings anwenden, ist die Bandbreite dessen, was wir aufschreiben, sehr viel größer als wenn wir nur Gedanken beobachten.

Solange die Zeit läuft werden keine Korrekturen vorgenommen. Es gibt keine Unterbrechungen und das bisher Geschriebene wird nicht zwischendurch nochmal gelesen. Das Journaling ist wie ein Fluss in dem wir absichtslos dem nächsten Gedanken, Gefühl oder der nächsten Wahrnehmung folgen.

Wenn uns nichts mehr einfällt, dann schreiben wir es auf: „Ich weiß gerade nicht, was ich schreiben soll …“ – solange, bis uns wieder etwas in den Sinn kommt oder die Zeit abgelaufen ist. Eine Frage, ein Satz, ein Wort.

Frei von Perfektion

Beim Journaling geht es nicht um Perfektion und auch nicht darum, einen strukturierten Text zu verfassen, den man später herumzeigen kann. Journaling hat das Ziel, innere Klarheit zu schaffen und im besten Fall folgt daraus Freude.

Beim Journaling schreiben der Verstand, das Herz und der Bauch gleichzeitig. Sich bei dieser Gemeinschaftsarbeit über Wortwahl, Schriftbild oder Rechtschreibung Gedanken zu machen, hätte nur zur Folge, dass der Verstand im Vergleich zum Herz und Bauch zu viel Aufmerksamkeit in diesem Prozess bekommt. Das Denken hindert daran, den leisen und zarten Impulsen nachzugehen, die wir eher en passant haben und die oft aus tieferen Schichten unseres Bewusstseins kommen.

Erlaubt ist alles, was bewegt

Beim Journaling gibt es kein Richtig oder Falsch. Es geht darum, alles zur Sprache zu bringen, was uns durch den Satzanfang als Impulsgeber gerade bewegt: körperlich, emotional oder mental. Was uns in den Sinn kommt, kommt aufs Papier. Gedanken, Gefühle, Fragen, Zweifel, Urteile und innere Kommentare werden erfasst – egal ob sie uns gefallen oder nicht. So kann es vorkommen, dass wir Dinge aufschreiben, die wir bei reiflichem Nachdenken korrigieren oder gänzlich verwerfen würden. Gedanken, die vielleicht nicht unseren Wünschen entsprechen oder die Regeln brechen. Gedanken, die nicht klug, tiefsinnig oder sinnvoll sind.

Hier ist alles erlaubt.

Wenn wir uns als Ganzes kennenlernen wollen, müssen wir zulassen, dass alles was zu uns gehört, seinen Raum bekommt. Nur dann können wir daraus Erkenntnisse ziehen und uns diese zunutze machen.

Sich beim Journaling neu entdecken

Beim Journaling geht es weder ums Analysieren noch ums Argumentieren. Daher eignet es sich hervorragend für eine ganzheitliche Selbstreflexion. Ganzheitlich bedeutet in diesem Zusammenhang, nicht nur unseren Gedanken und Gefühlen Gehör zu verschaffen, sondern auch den unbewussten Anteilen Ausdruck zu verleihen.

Während wir denken, fühlen und gleichzeitig schreiben, formieren sich neue Erkenntnisse, Einsichten und Ideen fast unbemerkt.

Wir dürfen uns schreibend wundern, hinterfragen, bestätigen, oder was immer der nächste Impuls sein wird. Da diese Art zu schreiben nicht vom Denken dominiert wird, kommen unbewusste Gedankenmuster deutlicher an die Oberfläche.

Woher stammen die Impulse?

Das Gedachte, Gefühlte und Geschriebene ist ein Produkt des Geistes, welches sich aus bewussten und unbewussten Erinnerungen zusammensetzt.

Wir glauben, dass wir meist mit einem wachen Verstand handeln und dass wir alles im Griff haben, um klare Entscheidungen zu treffen. Dabei wirken die unbewussten Anteile immer mit. Sie haben Einfluss auf unser Leben und alle Entscheidungen, die wir täglich treffen – ob wir es wollen oder nicht.

Geben wir beim Journaling all dem, was uns in den Sinn kommt, eine Sprache, ist dies eine Chance, sich mit allen Eigenschaften, Fähigkeiten, Vorbehalten, Erwartungen, Vorlieben, Abneigungen, Wünschen, Ängsten und Hoffnungen bewusster zu erleben.

Offen, freundlich und neugierig

Eine wichtige Voraussetzung für das Journaling ist die innere Bereitschaft, sich selbst offen, freundlich und neugierig zu begegnen und sich mit allen Aspekten anzunehmen. Diese Form der Offenheit erfordert Mut zur Akzeptanz, denn nicht immer gefällt uns, was wir denken und fühlen. Oft sind wir unsere schärfsten Kritiker.

Begegnen wir uns so, wie wir einem Freund begegnen würden.

Ehrlich zu sich selbst sein

Üblicherweise, wenn wir uns schriftlich mitteilen, haben wir einen Adressaten vor Augen, an den unsere Botschaft gerichtet ist. Wir transportieren beim Schreiben eine Vorstellung von uns und haben eine Identität zu verteidigen. Wir achten, bewusst oder unbewusst, auf den Ton, die Form und Korrektheit dessen, was wir schreiben, denn wir wollen ja verstanden werden.

Nicht so beim Journaling. Wenn wir in dieser Form schreiben, richten wir uns nach innen, um uns selbst besser zu verstehen. Viele erfahren, wie befreiend es sein kann, ganz sich selbst sein zu dürfen und dabei weder einen Ruf schützen oder eine Rolle verteidigen zu müssen. Warum auch, denn die Identität, die wir meist aufrechthalten wollen, ist immer nur erdacht. Schreiben wir für uns, können wir uneingeschränkt ehrlich sein und annehmen, was uns als Mensch in diesem Augenblick ausmacht. Das Geschriebene muss mit niemandem geteilt werden.

Journaling ist eine Methode, schreibend zur eigenen Mitte zu finden und sich von dort aus ganz und gar zu erleben.

Zusammenfassung

Die wichtigsten Punkte, die beim Schreiben zu beachten sind:

  • Gedanken fließen ungefiltert
  • Frei von Perfektion
  • Erlaubt ist alles, was bewegt
  • Sich selbst entdecken
  • Offen, freundlich und neugierig
  • Sich ehrlich begegnen

Fragen, Zweifel, Unmut, Erstgedanken, Zweitgedanken, Drittgedanken, Ablenkungen, Bewertungen, Bewertung der Bewertungen – alles wird aufgeschrieben.

Mögliche Satzanfänge beim Journaling sind:

  • Wenn ich fokussiert bleiben will, hilft es mir …
  • Ich bin dankbar dafür, dass …
  • Eine Absicht, die ich für mich selbst verfolgen möchte, lautet …
  • Dinge, die ich loslassen möchte, sind …
  • Wenn ich so richtig in Höchstform bin, …
  • Ich ärgere mich immer wieder über …
  • Meine Herausforderungen sind …
  • Mich begeistert …
  • Eine Sache, die ich heute für mich selbst tun möchte, ist …
  • Wenn es nicht nach meinem Kopf geht, …

Spiele mit den Satzanfängen und markiere die, bei denen du das Gefühl hast, dass noch nicht alles an die Oberfläche kam. Manchmal braucht es ein paar Wiederholungen, bis der Kern getroffen wird.

Du kannst dich vorher auch mit einer Achtsamkeitsübung vorbereiten.

Schreib dich frei! Be free, be you!

attention.rocks

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