Über die Freiheit, sich zu distanzieren

Viele von euch wissen, dass ich ein totaler Fan von Journaling bin, einer Schreibmethode, die mit einem vorgegebenen Satzanfang startet. Als ich heute über den Satz „Freiheit bedeutet für mich …“ schrieb, machte ich eine verblüffende Entdeckung. Ich entdeckte „wahre Freiheit“ hinter dem Offensichtlichen.

Der Journaling-Satz war nicht wirklich neu. Als ich mich vor ein paar Jahren aus dem Konzernalltag zurückziehen wollte, um frei meinen eigenen Weg zu gehen, war er jeden Morgen Teil meiner Schreibroutine. Ich musste damals eine wichtige Entscheidung treffen und habe so viel über Freiheit geschrieben, dass ich mir sicher war, alles darüber zu wissen.

Doch heute lief es in eine andere Richtung.

Das erste, was mir beim Schreiben in den Sinn kam, war die Freiheit, zu entscheiden mit wem ich meine Zeit verbringe. Auch erst mal nichts Neues.

Dann stellte ich jedoch fest, dass ich beim Schreiben bei genau den Menschen hängenblieb, mit denen ich meine Zeit nicht verbringen wollte. Ich schrieb über sie und steigerte mich geradezu in Unmut und Wut hinein.

Gefangen im Social-Media Universum

Mir kamen Zeitgenossen in den Sinn, die ich seit einer Weile in den sozialen Medien von einer Seite erlebe, die ich lieber nicht kennengelernt hätte. Eine oft laute, respektlose, zynische oder gar aggressiv Seite.

Es ist okay, wenn Menschen eine andere Meinung haben und sie dürfen auch anstrengend sein. Ja, sie dürfen auch mal überzogen reagieren. Aber was den Ton angeht, bin ich nicht mehr so tolerant und reagiere äußerst empfindlich.

Ich merkte beim Journaling, dass diese Gedanken einen erheblichen Einfluss auf meine Laune hatten und dass meine Stimmung schon nach wenigen Minuten in den Keller sank.

Wahre Freiheit endet oft im Kopf

Mir wurde klar, dass es nicht reicht, mich von Menschen zu distanzieren, wenn ich es nicht schaffte, sie aus meiner Gedankenwelt zu halten. Das Journaling zeigte mir schwarz auf weiß: Die Menschen waren omnipräsent in meinem Kopf und von Freiheit fühlte ich mich Lichtjahre entfernt.

Ich hatte meine innere Freiheit geopfert und nur ich selbst konnte sie auch wieder zurückerobern.

Wir alle wissen, dass wir für die eigene Gedankenhygiene selbst verantwortlich sind, doch das ist einfacher gesagt als getan. Kennst du den Spruch: „Schlag dir das lieber mal aus dem Kopf“? Das ist so ein Klassiker aus der Kindheit und Jugend vieler Menschen.

Ich weiß nicht, wie es dir ging, aber bei mir funktionierte diese Anweisung nie. Wenn andere wollten, dass ich mir etwas aus dem Kopf schlage, fühlte ich mich in meiner Freiheit begrenzt und das weckte sofort meinen Widerstand.

Seltsamerweise sprang dieser Widerstand auch regelmäßig bei meinen eigenen Anweisungen an. So auch im Fall der lauten Meinungsmacher.

Ich war so von meiner Meinung überzeugt, dass ich mir meine Aufregung nicht aus dem Kopf schlagen wollte. Dabei ließ ich mich in Gedanken auf wilde Diskussionen ein. Nicht dass sie mich in irgendeiner Form weitergebracht hätten, oder dass ich zu einer konstruktiven Idee gekommen wäre.

Es ging dabei viel ums Recht haben. Bei diesem inneren Dialog antworte ich stellvertretend für die anderen, und du kannst dir sicher vorstellen, dass in der Wut diese inneren Gespräche selten gut für die anderen ausgehen. Und mein Ton war nicht weit von dem entfernt, auf den ich so empfindlich bei anderen reagiere.

Innere Freiheit ist (m)eine Entscheidung

Fazit: Wahre Freiheit beginnt im Kopf und ich entscheide, ob sie dort auch endet.

Ich habe die Wahl, ob ich meine Gedanken in ihren alten Bahnen fließen lasse, oder ob ich „Stopp“ sage und mich erstmal frage: „Wohin bringen mich diese Gedanken?“

Wenn Freiheit im Kopf beginnt, ist es die Achtsamkeit, die uns dieses Schauspiel erst einmal erkennen lässt. Und nein, es reicht leider nicht, das Theater-Abo zu kündigen. Das Spiel läuft in jeder Saison wieder an und wir müssen es jedes Mal wieder bewusst beenden.

Tut mir ein Schauspiel auf Dauer nicht gut, hilft ein gesunder Abstand. Vor allem in den sozialen Medien. Kein Programmheft, keine Vorstellung! Entweder setze ich mich zukünftig bewusst und real mit Personen auseinander – mit so viel Mitgefühl, Offenheit und Wohlwollen, wie ich aufbringen kann – oder ich lasse es sein.

Distanz in den sozialen Medien klingt vielleicht hart, aber es hat sehr viel mit Freiheit zu tun. Distanz schützt den inneren Frieden und oft auch unsere Beziehungen, … sollte man sich im realen Leben mal wieder treffen.

Und bis dahin … keep the distance!

attention.rocks

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.