Mit der Leichtigkeit eines Tänzers (Natarajasana)

Frau übt die Yogahaltung natarajasana

In meinen Yogastunden praktiziere ich regelmäßig Natarajasana, eine wunderschöne und zugleich herausfordernde Gleichgewichtshaltung. Wie bei vielen anderen Haltungen auch, steckt in dieser Asana mehr, als man beim Üben denkt. Yogahaltungen beantworten mehr als nur die Fragen nach Kraft, Beweglichkeit und Balance. Oft tragen sie eine ganze Geschichte und Mythen in sich, die Jahrhunderte überdauert haben.

Natarajasana, die „Haltung des Tänzers“, ist so ein Fall. Wer sie übt, balanciert nicht nur auf einem Bein, sondern kann dabei eine kraftvolle Symbolik einbeziehen, die ihre Wirkung weit über das Körperliche hinaus entfalten kann.

Ich möchte dich heute auf einen etwas ausführlicheren Streifzug mitnehmen und dir zeigen, was hinter dieser Haltung steckt. Dazu gehören ein bisschen Historie und Symbolik sowie eine superspannende Legende über denjenigen, der die Haltung verkörpert: Nataraja.

Natarajasana – Kosmischer Tanz des Lebens

Nataraja ist die Figur, die hinter der Haltung steckt und nach der sie benannt ist. Nataraja gilt als eine Erscheinungsform von Shiva, einer Gottheit in der hinduistischen Philosophie, die für Transformation, Neubeginn und universelle Energie steht. In der Geschichte, die ich später noch erzählen werde, wird beschrieben, wie Shiva den Egoismus und die Ignoranz der Menschheit bezwang.

Der Begriff Natarajasana setzt sich aus den beiden Sanskrit-Wörtern „nata“ (Tänzer, Schauspieler) und „raja“ (König, Herr) zusammen. Somit ist Nataraja der „König der Tänzer“.

Das Bild der damit verbundenen Yogahaltung erinnert auch an die Leichtigkeit, Schönheit und Balance eines Tänzers. Wer sie aber mal probiert hat, weiß, dass sich diese Eigenschaften gar nicht so leicht umsetzen lassen.

Gleichgewichtshaltungen haben ihre eigene Dynamik und sind Spiegel unseres Körpers und unserer Seele. Sie drücken aus, wie stabil unser physischer, emotionaler und mentaler Zustand gerade ist. Daher lässt sich Natarajasana auch nicht so einfach trainieren und „machen“ wie der Hund oder die Stuhlhaltung.

Woher das Bild des Tänzers kommt

Mich fasziniert, wie alt die Geschichte des Tänzers eigentlich ist und wie jung die Yogahaltung selbst im Vergleich dazu.

Die frühesten bekannten Darstellungen des tanzenden Shiva stammen aus dem 6. Jahrhundert und sind in mehreren Felsentempeln in Süd- und Zentralindien zu finden.

Seine bis heute bekannteste Form erhielt Nataraja jedoch erst unter den südindischen Chola-Königen, die vom 9. bis zum 13. Jahrhundert regierten und ihn zum Symbol ihrer Dynastie machten. In dieser Zeit entstanden die berühmten Bronzestatuen im Wachsausschmelzverfahren. Sie gelten noch heute als Meisterwerke indischer Kunst und sind in vielen Museen der Welt zu sehen.

Interessant ist, dass die Yogahaltung „Natarajasana“, wie wir sie heute im Studio üben, deutlich jünger ist als das Bildmotiv selbst. Yoga-Forscher Elliott Goldberg zufolge wurde sie vermutlich erst im frühen 20. Jahrhundert von Krishnamacharya, einem der einflussreichsten Yogalehrer der Moderne, eingeführt. Später gewann sie vor allem durch seinen Schüler B.K.S. Iyengar an Aufmerksamkeit, weil er die Haltung zu einer Art Markenzeichen machte.

Das heißt, dass die Symbolik zwar uralt ist, die Verbindung zur Yogamatte, wie wir sie kennen, jedoch noch ganz frisch ist. Umgekehrt wissen viele nichts über die hochspannende Symbolik, die hinter der Haltung steckt.

Die Symbolik im Detail

Betrachtet man die klassischen Chola-Bronzen genauer, so fällt auf, wie viele Details in der Figur stecken, von denen jedes einzelne eine Bedeutung hat.

Nataraja, der König der Tänzer, wird in der Regel mit vier Armen dargestellt. In der oberen rechten Hand hält er die Damaru, eine Art Sanduhrtrommel, die den Klang und Rhythmus der Schöpfung symbolisiert. In der oberen linken Hand trägt er eine Flamme, die für Zerstörung und Auflösung steht.

Die untere rechte Hand formt die Handgeste Abhaya Mudra. Sie symbolisiert Furchtlosigkeit und Schutz. Die untere linke Hand zeigt nach unten auf den erhobenen Fuß und deutet damit den Weg zur Befreiung, beispielsweise von weltlichen Anhaftungen, an.

Schlange, Feuerkreis und Mond

Die Schlange, die sich um Natarajas Hals windet, steht für die Überwindung von Avidya, dem Schleier der Täuschung, der uns daran hindert, unsere wahre Natur zu erkennen. Sie symbolisiert das Erwachen des spirituellen Bewusstseins und den Aufstieg der göttlichen Energie zur Erleuchtung.

Die Figur ist meist von einem Feuerkreis umgeben, dem Prabha Mandala, der den ewigen Kreislauf und die zyklische Natur der Zeit symbolisiert. Der Kreis repräsentiert auch den ewigen Tanz der Schöpfung, der sich im Universum entfaltet.

Der Halbmond im zerzausten Haar von Nataraja erinnert ebenfalls an die zyklische Natur der Zeit. Manche Quellen deuten ihn zusätzlich als Ausdruck der göttlichen weiblichen Energie (Shakti), die die männliche Form ergänzt.

So gelesen steht der Mond auch für die Vereinigung von Gegensätzen wie Männlich und Weiblich oder Licht und Schatten. Verbindung ist ja ein zentrales Element im Yoga, und so finden im tanzenden Shiva auch die Gegensätze zu einer Einheit zusammen.

Nataraja ist nicht einfach nur „ein tanzender Gott“, sondern ein regelrechtes Lehrbild, dessen Details eine Einladung sind, über das Werden und Vergehen nachzudenken.

Und eine wichtige Rolle spielt auch die kleine am Boden liegende Figur, auf der Nataraja tanzt: Apasmara. Wer das ist und wie Apasmara unter seinen Fuß gerät, erzähle ich dir jetzt.

Die Legende von Shivas kosmischem Tanz

Die Legende ist im Chidambara Mahatmyam überliefert und erzählt von einer Gruppe mächtiger Gelehrter und Weiser, die im Sanskrit Rishis genannt werden. Sie lebten im magischen Thillai-Wald und waren mit der Zeit extrem arrogant und überheblich geworden. Sie glaubten, mit ihren Zauberkräften und strengen Ritualen die absolute Kontrolle über das Universum zu haben. Darüber vergaßen sie den Wert von Demut und Hingabe.

Um sie wieder einzufangen, reiste Shiva als Bettler und als wunderschöner, wilder Yogi verkleidet in den magischen Wald. Er hatte Verstärkung von Vishnu, der als betörende Frau (Mohini) verkleidet war, und dabei half, die Weisen und ihre Frauen mächtig durcheinanderzubringen. Die Frauen der Rishis verliebten sich in den schönen Yogi, und schnell war es um die strenge Ordnung im Wald geschehen. Damals war es noch normal, dass spirituelle Weisen auch eine Familie hatten.

Die Rishis wurden daraufhin zornig auf den Unruhestifter und beschworen durch ein rituelles Opferfeuer magische Wesen herauf, um den Yogi zu töten.

Der Tanz der Glückseligkeit

Zuerst schickten sie einen riesigen Tiger, dem Shiva jedoch spielerisch das Fell abstreifte, das er fortan als Lendenschurz trug. Dann schickten sie eine giftige Kobra. Doch Shiva ergriff sie und legte sie sich als Schmuck um den Hals. Und zu guter Letzt setzten sie ihre gefährlichste Waffe ein: Apasmara, einen bösen, zwergenhaften Dämon, der Blindheit, das menschliche Ego und spirituelle Ignoranz verkörperte.

Doch statt den Dämon zu töten, warf Shiva ihn zu Boden, stellte seinen rechten Fuß auf seinen Rücken und brach ihm so das Rückgrat des Stolzes. Ja, in den Geschichten waren die Götter oft nicht zimperlich.

In genau diesem Moment offenbarte Shiva seine wahre göttliche Gestalt und begann auf dem Rücken des Dämons zu tanzen. Dieser Tanz wird auch als Ananda Tandava bezeichnet, der Tanz der puren Glückseligkeit. Während er tanzte, bebte das Universum im Rhythmus seiner Bewegungen, woraufhin die Rishis ihre eigene Unwissenheit erkannten, auf die Knie fielen und um Vergebung baten.

Die Unwissenheit zertanzen

In der Geschichte und in der Statue, die auch in unserem Yogaraum steht, tanzt Shiva auf dem Zwergdämon „Apasmara“. Die mit Apasmara verbundene Unwissenheit und Ignoranz umfasst auch die Annahme, dass wir Menschen getrennt von allem sind und uns zu sehr damit identifizieren, wer oder was wir zu sein glauben.

In der Statue ist zu sehen, wie Shiva diese Unwissenheit unter seinen Füßen zertanzt und alles zerstört, was nicht auf Liebe und Wahrheit aufgebaut ist. Es ist der Triumph des göttlichen Wissens über die Unwissenheit sowie der Weg zur Befreiung und Erleuchtung. Altes muss zerstört werden, damit Neues entstehen kann.

Anmut im Wandel finden

Ich arbeite gerne mit dieser Haltung, wenn Veränderungen anstehen, die mich nervös machen. Sie symbolisiert den kosmischen Tanz des Lebens und ist eine Einladung, sich in der Gleichzeitigkeit von Licht und Schatten einzurichten.

Natarajasana erinnert mich daran, dass wir im Leben auch immer wieder „Tänzer und Schauspieler“ sind. Mal spielen wir die eine Rolle, mal eine andere. Mal ist die Rolle ernst, mal fröhlich, mal dramatisch. Wir spielen den jeweils anstehenden Part so gut wir können, aber wir sollten dabei nie vergessen, uns nicht auf Rollen reduzieren zu lassen. Auch nicht von uns selbst.

Veränderung ist oft schwer auszuhalten, weil uns das Unbekannte Angst macht. Deshalb kämpfen wir oft sogar gegen das Unausweichliche an. Mit etwas Zuversicht und Vertrauen sieht die Sache jedoch ganz anders aus. Auch das lernen wir in der Haltung.

Die Haltung ist nämlich nicht nur eine Gleichgewichtshaltung, sondern auch eine Rückbeuge, bei der wir unseren Herzraum und die gesamte Vorderseite öffnen. Im Yoga steht die Vorderseite für den Osten und die Zukunft, d.h. wir machen uns in einer Rückbeuge symbolisch bereit für das, was kommt.

Die Haltung des Tänzers zeigt uns somit, dass wir im Wechselspiel von Stabilität und Veränderung durchaus Anmut und Vertrauen finden können.

Der feurige Kreislauf des Lebens

Wir alle stehen in einem wilden, feurigen Kreislauf des Lebens und es ist nicht immer leicht, die Balance und Leichtigkeit zu bewahren. Aber genau das können wir üben. Dazu gehört, sich selbst immer wieder zu hinterfragen. Welche Rollen spielen wir gerade und wie verbunden sind wir mit dem Leben und der Welt?

Vielleicht hast du aktuell eine Herausforderung zu bewältigen oder tust dich schwer, Freude und Schönheit zuzulassen. Das ist der perfekte Anlass, diese Woche eine Runde Natarajasana zu üben. Oder, falls du kein Yoga machst, zu tanzen. Mit all der Symbolik, die in Natarajasana steckt.

Lass uns also einen kleinen, aber wertvollen Beitrag leisten, indem wir die Unwissenheit zertanzen, um uns alle wieder mehr verbunden zu fühlen. Auch dann, wenn zwischenzeitlich Untergangsstimmung herrscht. Oder vielleicht gerade dann!

Ich wünsche dir eine gute Woche und freue mich, wenn wir uns auf der Matte sehen – vor Ort oder online.

Alles Liebe
Deine Gaby von attention.rocks ❤️


Bonus

P. S. (1) Übrigens ist dieser Tanz in Chidambaram, einem der bedeutendsten Shiva-Tempel Südindiens, in 108 verschiedenen Posen dargestellt – abgeleitet aus dem Natya Shastra, einer alten indischen Abhandlung über Tanz und Theater. Somit ist die Haltung Natarajasana, die wir auf der Matte üben, lediglich eine von 108 „Schnappschüssen“ dieses ewigen Tanzes.

P. S. (2) Die Symbolkraft von Nataraja hat sogar die Grenzen von Tempeln und Yogastudios überschritten. Vor dem Gebäude der CERN-Forschungseinrichtung in Genf steht eine große Nataraja-Statue, ein Geschenk der indischen Regierung. Sie soll die tanzende Zerstörung und Neuschöpfung des Universums neben die Suche nach den kleinsten Bausteinen der Materie stellen – ein altes spirituelles Bild, das zeigt, wie zeitlos die Idee des ständigen Werdens und Vergehens ist.

Meine Online-Kurse entdecken

Wenn dich die Symbolik von Natarajasana neugierig gemacht hat und du sie mit mir vertiefen möchtest, komm doch zu einer meiner Yogastunden. In meinen Kursen gehören Bewegung, Entspannung und Philosophie untrennbar zusammen.

Du wohnst nicht in der Nähe oder dein Alltag lässt wenig Spielraum für die Präsenzkurse?
Dann übe einfach online mit mir! Der Quartalskurs wird von den gesetzlichen Krankenkassen bis zu zweimal jährlich bezuschusst.
→ Online-Angebote ansehen 🧘🏻‍♀️

Lieber erst mal lesen? Entdecke mehr in meinen Büchern 📚📕