Gestern habe ich das Buch „All the way to the river“ von Elizabeth Gilbert zu Ende gelesen. Es wirkt noch immer nach und hat mich sehr zum Nachdenken angeregt.
Heute möchte ich drei Themen aus dieser Geschichte aufgreifen (no spoiler), weil ich denke, dass sie uns alle betreffen – Liebe, Verlust und Befreiung! Und ich werde den Zusammenhang zu Sucht und Yoga aufgreifen, denn ich finde, dass all diese Themen auf magische Weise zusammengehören.
Liebe, Verlust und Befreiung
Elizabeth Gilbert bezeichnet die Geschichte in ihrem Buch als die wichtigste Geschichte ihres Lebens. Und ihr Leben wirkt auf den Seiten wie ein Leben voller Dramen. Ich dachte anfangs, dass sich ihr Leben sehr von meinem, vielleicht auch von deinem und dem der meisten Menschen unterscheidet.
Aber auch wenn jede(r) seine eigene Geschichte lebt und sich alle voneinander unterscheiden, geht es früher oder später doch immer um Liebe, Verlust und Befreiung. Vielleicht sind sie sogar die Hauptdarsteller aller Geschichten, die das Leben jeden Tag für jeden von uns aufs Neue schreibt.
Wir alle sehnen uns nach Liebe und liebevollen Beziehungen, aber wir haben auch Angst vor Verlust. Der Verlust von Gesundheit, von Menschen und letztlich vom Leben selbst. Was liegt also näher, als nach Befreiung zu suchen?
Die meisten Menschen befreien sich von ihrer Angst durch Ablenkung und Verdrängung. Dabei tragen wir die einfachste Ablenkung in Form unseres Smartphones in der Hosentasche.
Manche Ablenkungen entwickeln sich jedoch zu regelrechten Dramen.
Dramen als Ablenkung und Strategie
Vielleicht ist nicht jedes Leben so von Dramen geprägt wie das von Elizabeth Gilbert, aber vielleicht auch doch! Was wissen wir schon von den Sehnsüchten und Ängsten der anderen? Und was wissen wir von den Dramen, die sich in den Köpfen der Menschen abspielen?
Wir kennen meist ja nicht einmal unsere eigenen, weil wir nicht so genau hinsehen wollen oder es nie gelernt haben.
Die meisten von uns haben eine eigene und oft unbewusste Strategie, Ängste zu verdrängen. Die einen halten nach Dramen Ausschau, die anderen verschaffen sich ein bisschen Aufregung und/oder Ablenkung. Alles ist besser, als der Angst oder einer unerfüllten Sehnsucht in die Augen zu schauen.
Ein bisschen Sucht steckt in jedem von uns!
In dem Wort Sehnsucht steckt das Wort Sucht, womit die Geschichte von Elizabeth Gilbert viel zu tun hat. Als ich vor ein paar Jahren das Buch „Die Dopamin Nation“ von Anna Lembke gelesen hatte, habe ich mich bereits mit einigen Ausprägungen von Sucht vertraut gemacht, und seitdem vermute ich, dass in jedem von uns ein mehr oder weniger ausgeprägter Suchtcharakter steckt.
Er drückt sich jedoch ganz individuell und unterschiedlich stark aus.
Die Wissenschaftlerin Anna Lembke hatte in ihrem Buch ihre Sucht nach Liebesromanen öffentlich gemacht und berichtet, wie diese Sucht ihr Leben geprägt und verändert hat. Kann man sich das vorstellen? Im ersten Moment dachte ich damals, sie macht da etwas zum Elefanten, was keiner ist.
Aber Sucht ist tatsächlich weniger eine Frage des Objekts (Alkohol, Heroin, Bücher), sondern eine Frage des Musters: Zwang, Kontrollverlust, Weiter‑machen‑trotz‑Schaden, ständiges Verlangen.
Sucht kann sich auf tausend unterschiedliche Objekte beziehen. Im Kern folgt jede Sucht der Strategie, emotionalen oder existenziellen Schmerz nicht fühlen zu müssen: Scham, Überforderung, Einsamkeit, Langeweile oder Sinnkrisen.
Zum Glück entwickelt nicht jeder eine ausgereifte Sucht, aber nach Befreiung streben wir alle. Das führt mich zum Yoga!
Yoga ist Moksha (Befreiung)
Im Yoga ist Moksha die Befreiung aus dem Kreislauf von Anhaftung (Raga) und Abneigung (Dvesha). Dabei lernen wir, Gefühle (Lust, Schmerz, Langeweile) als vorübergehend zu betrachten, ohne sie – wie im Alltag – durch Konsum (Bücher, Essen, Scrollen) zu regulieren oder uns durch Ablenkungen und Dramen im Kopf abzulenken.
Elizabeth Gilbert bezeichnet Drama und Langeweile als Symptome höchster Angst und als Zeichen der Unfähigkeit, einfach zu sein.
Beim Yoga nehmen wir all diese Zeichen wahr! Wir beobachten sie und unterbrechen so den Kreislauf, den eine Reaktion hervorruft.
Live bei JAZUYOGA
Moksha erschließt sich nicht durch Lesen
In meinen Kursen nähern wir uns dieser Freiheit mit dem Körper, dem Atem und der Philosophie. Online oder vor Ort.
→ Zum KursprogrammIm Yoga rennen wir auch nicht einfach den „guten Vibes“ hinterher, sondern bleiben im Beobachtermodus und nehmen an, was ist – egal, ob Freude oder Frustration.
Die anspruchsvollsten Asanas sind oft unspektakulär
Im Yoga gibt es einige Asanas, die uns das Verlangen nach Ablenkung besonders deutlich spüren lassen. Es sind die Asanas, in denen nichts passiert, in denen wir nichts tun und in denen wir „einfach nur“ sein dürfen.
Die Erlaubnis, „einfach nur sein zu dürfen”, klingt erstmal romantisch und toll. Sie ist es jedoch nur, wenn sie mit Gefühlen wie Ruhe, Entspannung und Zufriedenheit verbunden ist. Das ist zwar nach einer langen Asanapraxis oft der Fall, aber nicht der Grund, warum wir den ganzen Zirkus vor der Tiefenentspannung machen.
Wenn wir in Savasana „uns sein lassen“, bedeutet das, immer da zu bleiben, auch wenn eine Leere von uns Besitz ergreift oder Gefühle wie Trauer, Angst, Wut, Ungeduld oder Langeweile aufkommen.
Warum sich diese Mühe lohnt
Die Freiheit in Form von Moksha ist im Yoga mit einem Zustand von tiefer, stiller Glückseligkeit verbunden. Das alles Entscheidende ist, dass diese Zufriedenheit nicht mehr von äußeren Bedingungen oder bestimmten Gefühlen abhängt, sondern ein grundsätzlicher Seinszustand ist.
Alle Gefühle sind willkommen, heißt es so schön in einem Zitat von Rumi.
Wie gut gelingt dir das? Wie gut kannst du dich aushalten?
Das Gasthaus
Dieses menschliche Dasein ist ein Gasthaus. Jeden Morgen ein neuer Gast.
Freude, Depression und Niedertracht – auch ein kurzer Moment von Achtsamkeit kommt unverhofft als Besucher.
Begrüsse und bewirte sie alle!
Selbst wenn es eine Schar Sorgen ist, die gewaltsam dein Haus seiner Möbel entledigt, selbst dann behandle jeden Gast ehrenvoll. Vielleicht reinigt er dich ja für neue Wonnen.
Dem dunklen Gedanken der Scham und Bosheit – begegne ihnen lachend an der Tür und lade sie zu dir ein.
Sei dankbar für jeden, der kommt, denn alle sind zu deiner Führung geschickt worden aus einer andern Welt.
(Rumi, Sufi-Dichter)
Mein Impuls für heute ist, zu beobachten, wie gut du dich mit all deinen Gefühlen „sein lassen“ kannst und welche Strategie du anwendest, um unangenehmen Gefühlen zu entkommen.
Welches Gefühl ist besonders schwer auszuhalten? Welche Ablenkung ist dein Favorit, um diesem Gefühl zu entkommen? Bleib achtsam, denn als Ablenkung eignet sich quasi alles – Bücher, Social Media, Serien und sogar „spirituelle“ Inhalte.
Ich wünsche dir und uns allen ganz viel Mut und Kraft zu dieser Freiheit!
Liebe Grüße
Deine Gabriele von attention.rocks ❤️

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