Manchmal erscheint das Leben wie ein langer, ruhiger Fluss, und man könnte meinen, es ginge ewig so weiter. Doch jeder weiß aus eigener Erfahrung oder aus der Beobachtung anderer, dass irgendwann Wolken aufziehen und die Strömung gefährlich wird. Spätestens wenn ein Leben zu Ende geht, ist der Tod plötzlich allgegenwärtig.
Obwohl es sich in vielerlei Hinsicht lohnt, sich frühzeitig mit dem Thema auseinanderzusetzen, tut es kaum jemand. Und so traf es auch mich mit voller Wucht, als meine Mom am 7. April nach kurzer Krankheit völlig unerwartet verstarb.
In diesem Blog soll es jedoch nicht um die Trauer gehen, die darauf folgte, sondern um ein Gefühl, das sich parallel entwickelt hat – die tiefe Wertschätzung für das eigene Leben. Seit dem Tod meiner Mom ertappe mich immer wieder bei dem Gedanken, mein Leben neu justieren zu wollen und frage mich, warum ich es nicht schon viel früher getan habe.
Das Leben im Angesicht des Todes schätzen lernen
Natürlich wissen wir alle, dass irgendwann unser letzter Tag kommen wird. Niemand kann dem Tod entkommen und je älter wir werden, desto näher rückt er ins Bewusstsein. Hin und wieder werden wir erinnert, dass er nicht nur zu den Hochbetagten kommt, die ein erfülltes Leben hinter sich lassen, oder zu Menschen, die von einer leidvollen Krankheit erlöst werden.
Er kommt auch zu jungen Menschen und solchen, die gestern noch fit und gesund waren. In solchen Momenten sind wir fassungslos – weil wir nicht darauf vorbereitet waren. So ging es auch mir und allen, die meine Mutter noch vor wenigen Wochen als fitte und lebensfrohe Frau erlebt haben.
Bewusstsein als Vorbereitung
Der Tod trifft uns unvorbereitet, weil wir den Gedanken daran nicht an uns heranlassen wollen. Wir betrachten das Ende des Lebens lieber als etwas, das in weiter Ferne liegt. Das ist verständlich, aber auch schade, denn der Gedanke an den Tod kann dem eigenen Leben eine ganz besondere Tiefe geben und oft sogar den Anstoß zu einer Kursänderung.
Niemand weiß, wann es soweit ist. Diese Gewissheit kann – wenn wir sie in unseren Alltag integrieren – ein sanfter Antrieb für ein bewusstes und erfülltes Leben sein. Jeder Atemzug wird zu etwas ganz Besonderem, wenn wir in Betracht ziehen, dass es der letzte sein könnte. In diese Richtung geht auch eine Übung, auf die ich gleich noch eingehen werde.
Wenn wir uns der Endlichkeit des Lebens bewusst werden, wird uns sofort klar, was wir alles haben und wofür wir dankbar sein können. Ich werde nie vergessen, wie sehr meine Mom in den letzten Wochen die Wärme der Sonne genossen hat, und ich höre noch heute ihr lautes und genussvolles Seufzen, wenn wir auf den Balkon gingen und uns in die warme Frühlingssonne setzten.
Vielleicht hat sie diese Momente so genossen, weil das Ende spürbar näher rückte. Sie wusste mit dem Tod umzugehen, denn sie hat viele Menschen beim letzten Atemzug begleitet. Und obwohl sie das Leben liebte, hatte sie keine Angst vor dem Sterben, denn der Tod war für sie nicht das Ende.
Hast du eine Vorstellung entwickelt, was nach deinem letzten Atemzug kommt?
Das Leben kommt mit einer festen Anzahl von Atemzügen
Was nach dem Tod kommt, wissen wir erst, wenn es soweit ist. Aber was wir aus unserem Leben machen, darauf haben wir jetzt einen Einfluss. Nicht auf das Ende, aber auf die Zeit bis dahin!
Im Yoga gibt es Traditionen, die davon ausgehen, dass jeder Mensch mit einer bestimmten Anzahl von Atemzügen geboren wird. Nicht jeder bekommt die gleiche Anzahl mitgegeben und niemand weiß, wie viele es sind. Die Yogis beschäftigen sich viel mit dem Atem und gehen achtsam und bewusst mit ihm um.
Ihr Ziel ist ein langer und ruhiger Atem, der die Qualität des Lebens ganz wesentlich mitbestimmt. Qualität in Form von Ruhe, Zufriedenheit und Klarheit.
Worauf legen wir den Fokus?
Jeder von uns hat Einfluss auf diese Qualität – bei all den täglichen Ärgernissen, bei all den trivialen, oberflächlichen oder tiefgreifenden Ereignissen und bei all den unerwarteten Schicksalsschlägen. Atemzug für Atemzug!
Ihr könnt euch sicher vorstellen, wie sinnlos mir die Diskussion erschien, ob jemand bei der Beerdigung des Papstes einen blauen oder schwarzen Anzug trägt. Ich konzentriere ich mich lieber darauf, wie hilfsbereit, freundlich und mitfühlend meine Mutter – als gläubige Christin – in ihrem Leben gewirkt hat und welchen positiven Einfluss das auf mich und andere hatte.
Sie hat vielen Menschen mit kleinen und großen Aufmerksamkeiten eine Freude gemacht und so vielen in schweren Stunden die Hand gehalten. Das war sicher nicht immer angenehm für sie und hat Kraft gekostet. Aber es hat ihr auch viel Kraft gegeben, denn solche Taten beschenken auch den Schenkenden.
Meine Eltern haben mir wichtige Werte vermittelt und diese auch gelebt. Sie sind mit klarem Kurs durchs Leben gegangen – egal, welche Stürme und Flauten sie gerade zu überstehen hatten. Und das waren einige!
Irgendwie hat der Tod meiner Mutter auch mich wieder auf Kurs gebracht.
Die Endlichkeit des Lebens so bewusst vor Augen zu haben, hilft ungemein, sich an dem zu orientieren, was dem eigenen Leben Sinn gibt und das Leben anderer besser macht.
Was ist dein aktueller Kurs?
Mein heutiger Impuls ist, den aktuellen Kurs zu bestimmen und über eine minimale Kursänderung nachzudenken.
Wenn man das Leben mit einer Reise über den Atlantik vergleicht, kann eine Kursänderung von 1° bedeuten, dass man an einem ganz anderen Ort herauskommt. Natürlich immer abhängig von der Route, die noch vor einem liegt.
Stell dir vor, du hast noch 10 Jahre zu leben. Wo möchtest du am Ende der Reise ankommen und welche kleine Veränderung kannst du heute vornehmen, die sich langfristig darauf auswirkt?
Ich weiß, dass diese Zahl für manche erschreckend kurz und für andere beruhigend lang sein kann – je nach Alter. Ändere sie, wenn es dir bei der Übung hilft und schreibe mir gerne, wie es dir damit geht und was es mit dir macht.
Übung
Im Buddhismus gibt es die Idee, sich in der Meditation mit jedem Atemzug auf Leben und Tod vorzubereiten. Dabei atmest du einfach nur ein und aus und wartest dann auf den Impuls des nächsten Einatmens – aber du „erwartest“ ihn nicht.
Das heißt, du nimmst den Impuls des Einatmens nicht als selbstverständlich hin. Wenn er kommt, ist es wie ein neues Leben, das mit der Ausatmung wieder geht. Jeder Atemzug ist wie ein Leben.
Über das, was nach dem Tod bleibt
Den folgenden Text hat mir die Trauerrednerin Andrea Juchem geschickt und er hat mich sehr berührt. Es ist ein Gebet aus einem jüdischen Gebetbuch und so universell, dass es sicher in jede Glaubensrichtung passt.
Beim Aufgang der Sonne
aus einem jüdischen Gebetbuch
und bei ihrem Untergang
erinnern wir uns an sie.
Beim Wehen des Windes
und in der Kälte des Winters
erinnern wir uns an sie.
Beim Öffnen der Knospen
und in der Wärme des Sommers
erinnern wir uns an sie.
Beim Rauschen der Blätter
und in der Schönheit des Herbstes
erinnern wir uns an sie.
Zu Beginn des Jahres
und wenn es zu Ende geht
erinnern wir uns an sie.
Wenn wir müde sind
und Kraft brauchen
erinnern wir uns an sie.
Wenn wir verloren sind
und krank in unserem Herzen
erinnern wir uns an sie.
Wenn wir Freude erleben,
die wir so gern teilen würden
erinnern wir uns an sie.
So lange wir leben
werden auch sie leben
denn sie sind ein Teil von uns
wenn wir uns an sie erinnern.
Ich wünsche dir von Herzen ein erfülltes Leben mit vielen ruhigen und bewussten Atemzügen.
Deine Gabriele von attention.rocks ❤️

Meine Online-Kurse entdecken
Wenn dich die Symbolik von Natarajasana neugierig gemacht hat und du sie mit mir vertiefen möchtest, komm doch zu einer meiner Yogastunden. In meinen Kursen gehören Bewegung, Entspannung und Philosophie untrennbar zusammen.
Du wohnst nicht in der Nähe oder dein Alltag lässt wenig Spielraum für die Präsenzkurse?
Dann übe einfach online mit mir! Der Quartalskurs wird von den gesetzlichen Krankenkassen bis zu zweimal jährlich bezuschusst.
→ Online-Angebote ansehen 🧘🏻♀️
Lieber erst mal lesen? Entdecke mehr in meinen Büchern 📚📕
