In welcher Phase steckst du gerade (fest)?

Platz mit Buddha-Figur, Trommel, Klangschale und Yogamatte

Anfang des Jahres habe ich mir vorgenommen, neben der körperlichen Yogapraxis den alten Yogaschriften wieder mehr Aufmerksamkeit zu widmen. Genauer gesagt, studiere ich täglich ein Yogasutra von Patanjali und vergleiche die Interpretationen von vier bekannten Yogis (Iyengar, Bretz, Skuban und Karambelkar).

Dabei bin ich auf ein sehr spannendes System gestoßen, das ich heute mit dir teilen möchte. Am Ende gibt es noch ein passendes Zitat von Einstein, das zeigt, dass die Yogaphilosophie dahinter gar nicht so exotisch ist, wie manche denken. 

Es geht um Lebensziele und Lebensphasen.

Lebensziele (Purusharthas)

Ich starte mal mit den vier Lebenszielen (Purusharthas), die im Yoga eine wichtige Rolle spielen. Das sind:

  • kāma (Sinnesbefriedigung)
  • artha (Wohlstand)
  • dharma (Pflichterfüllung, Selbstentfaltung) und
  • moksha (Befreiung)

Beim Lesen ist mir wieder eingefallen, dass wir in der Yogalehrer-Ausbildung die vier Lebensphasen (Ashramas) behandelt hatten, und ich habe mich gefragt, wie viel Raum jedes der vier Ziele in den jeweiligen Lebensphasen bekommt. 

Natürlich interessiert mich auch, wo ich selbst im Moment stehe – sowohl in Bezug auf die Ziele als auch auf die Lebensphase. Und ich frage mich, ob dieses über 2000 Jahre alte Konzept auch in der heutigen Zeit noch mithalten kann.

Lebensphasen (ashramas)

Die Lebensphasen sind ein zentrales Element der indischen Philosophie, wobei es sowohl um die praktische Lebensführung als auch um die spirituelle Entwicklung geht.

  • Das Leben beginnt mit der Schülerphase (Brahmacharya), die von der Geburt bis zum Alter von etwa 20 bis 25 Jahren dauert. In dieser Zeit liegt der Schwerpunkt auf dem Lernen, dem Erkennen der eigenen Talente und der Entwicklung unserer Fähigkeiten. In dieser Phase lernen wir auch unsere Werte kennen und erfahren, was Disziplin bedeutet. Die Zeit ist somit stark geprägt von dharma (Pflichterfüllung, Selbstentfaltung).
  • Die zweite Phase wird Haushaltsphase oder Berufsleben (Grihastha) genannt. In dieser Zeit (ca. 25 bis 50-60 Jahre) stehen Themen wie Familiengründung, Beruf und soziales Engagement im Vordergrund. Wir konzentrieren uns darauf, artha (Wohlstand) zu schaffen, wobei kāma (Sinnesbefriedigung) und dharma (Pflichterfüllung, Selbstentfaltung) nicht weniger dominante Rollen spielen. Die Yamas (ethische Regeln im Yoga) helfen dabei, das Ausleben von Sinnesfreuden und das Streben nach Wohlstand verantwortungsvoll und ethisch zu gestalten.
  • Die dritte Phase wird Rückzugsphase (Vanaprastha) genannt und dauert bis ca. zum 75. Lebensjahr. Man geht davon aus, dass bis dahin genügend Wohlstand erworben wurde und dass auch die Sinne ausreichend befriedigt sind. Es erfolgt der Rückzug ins Private und die allmähliche Lösung von weltlichen Verpflichtungen. Für einen Yogi bedeutet dies, die Vorbereitung auf die spirituelle Praxis. In dieser Phase tritt dharma (Pflichterfüllung und Selbstentfaltung) langsam den Rückzug an und Moksha (Befreiung) wird wichtiger. Was genau das ist, darauf kommen wir gleich.
  • In der sogenannten Entsagungsphase (Sannyasa), die ab einem Alter von etwa 75 Jahren beginnt, geht es um die Loslösung von allen Bindungen. Ein Yogi legt in dieser Phase den Fokus auf Meditation und moksha (Befreiung). Dabei ist mit moksha die spirituelle Befreiung gemeint, auf die Patanjali in seinen Yogasutras von Anfang an den Fokus legt.

Wie lässt sich das System in die heutige Zeit übertragen?

Das System ist zwar mehrere tausend Jahre alt, aber ich finde, es passt sogar annähernd zum aktuellen Rentensystem. Was ich in der westlichen Welt jedoch etwas vermisse, ist die Thematisierung von moksha, der Befreiung. Auch wenn wir das Konzept der spirituellen Befreiung nicht gelernt haben, so ist es dennoch in unseren Genen verankert.

Ich finde, dass der Wunsch nach Moksha im fortgeschrittenen Alter immer deutlicher spürbar wird. Das sage ich nicht, weil ich mit dem Konzept vertraut bin oder weil mich meine langjährige Yogapraxis dorthin geführt hat. Es ist ein natürlicher Prozess.

Wo bleibt moksha (die spirituelle Befreiung)?

Mit den Lebensjahren wird immer offensichtlicher, dass alles im Leben vergänglich ist. Dies beginnt mit den ersten Falten oder grauen Haaren, den ersten Wehwehchen und den ersten Verlusten im Familien- und Freundeskreis.

In dieser Phase wächst bei vielen der Wunsch, sich mehr mit dem Unvergänglichen zu befassen und den Zugang zur eigenen Seele zu finden. Das ist nicht immer offensichtlich und äußert sich manchmal auch in Form von Sinnfragen.

Dieses Phänomen begegnet mir oft im Coaching, wenn erfolgreiche Menschen an einen Punkt kommen und sich fragen, ob das jetzt alles gewesen sein soll. Hattest du schon mal einen solchen Gedanken? Oder den Wunsch, deinen Lebenssinn zu finden und dich dafür mehr nach innen zu richten?

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Was ist wirklich wesentlich?

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Befreiung im Außen ist eine Illusion

Der Weg nach innen ist jedoch nicht für jeden der naheliegende Schritt zur Befreiung. Statt im Inneren nach Befreiung zu suchen, wählen viele den Weg nach außen. Sie tauchen noch tiefer in die materielle Welt ein und versuchen das zu sichern, was sie gerne erhalten möchten. Der Wunsch nach Reichtum, Luxus und Vergnügen sowie die Erhaltung äußerer Schönheit lassen keinen Platz für spirituelle Befreiung.

Ich persönlich bin definitiv noch nicht fertig mit kāma, artha und dharma, wenn auch artha (Wohlstand schaffen) keine zentrale Rolle mehr spielt. Ich merke auch, dass kāma (Sinnesfreuden) schon durch Kleinigkeiten erfüllt wird und ich nicht mehr die ganz großen Dinge brauche. Beim Ziel dharma (Pflichterfüllung, Selbstentfaltung) stecke ich noch tief drin, habe aber auch moksha (Befreiung) seit einigen Jahren einen festen Platz in meinem Alltag gegeben. 

Wo stehst du in Bezug auf die Lebensphasen und die vier großen Ziele? Ist die Mischung ausgewogen und erkennst du dein Leben darin wieder? Schreib mir gerne deine Gedanken – ich bin sicher, das könnte eine spannende Debatte mit dem einen oder anderen werden.

Und nun das Zitat von Einstein!

Der wahre Wert eines Menschen ist in erster Linie dadurch bestimmt, 
in welchem Grad und in welchem Sinn 
er zur Befreiung vom Ich gelangt ist.

Albert Einstein

Praktische Übung

Es gibt viele Wege zur Befreiung und bei der folgenden Übung handelt es sich um eine Form der Meditation, die das Mysterium des eigenen Bewusstseins beleuchtet. Man sagt immer: „Wir sind mehr als unsere Gedanken und Gefühle.“ Doch woher kommen Gedanken, die wir nicht bewusst denken?

Setz dich gerne mal für ein paar Minuten hin und beobachte das Kommen und Gehen deiner Gedanken und Gefühle, ohne ihnen bewusst eine Richtung zu geben. Steig in keinen Gedanken ein! Mach keine Story daraus!

Setz dich einfach hin und warte auf den ersten Gedanken. Lass ihn dann los und warte auf den nächsten. Und so weiter. Beobachte, was hochkommt und welcher Impuls dem Gedanken folgt.

Frage dich: Wer denkt diesen Gedanken? Und nimm wahr, dass du ihn nicht bewusst machst. Manchmal kommt der Wunsch nach moksha, wenn wir erkennen, dass wir viel mehr sind als die Gedanken und Gefühle, die uns tagein, tagaus beschäftigen.

Ich wünsche dir eine gute Zeit und viele bereichernde Erkenntnisse.

Deine Gabriele von attention.rocks ❤️

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