Gunas – Schlüssel zur Zufriedenheit (Santosha)

In meinen Yogastunden zitiere ich oft Verse aus den Yoga-Sutras von Patanjali und versuche, diese 2000 Jahre alten Weisheiten in die heutige Zeit zu transportieren. Dabei bin ich immer wieder überrascht, wie zeitlos und hilfreich sie gerade in schwierigen Zeiten sein können. Zufriedenheit (Santosha) ist ein wichtiges Thema für alle Menschen und bei Patanjali gibt es dazu viel zu entdecken.

Patanjalis Weisheit – Santosha und die Gunas

In den letzten Wochen standen besonders die Verse über Santosha (Zufriedenheit) und die drei Gunas – Tamas, Rajas und Sattva – im Fokus. 

Die drei Gunas beschreiben grundlegende Qualitäten der Natur, die unser Denken und Handeln beeinflussen: 

  • Tamas steht für Trägheit und Dunkelheit.
  • Rajas steht für Aktivität und Leidenschaft.
  • Sattva steht für Klarheit und Harmonie.

Die Zufriedenheit (Santosha) ist dabei ganz eng mit dem Gleichgewicht dieser Gunas verbunden. 

Santosha wurzelt in Sattva

Wenn Tamas dominiert, kann Zufriedenheit mit Passivität verwechselt werden. Wenn Rajas überwiegt, geht dies oft mit einem rastlosen Streben nach Veränderung einher.

Wahres Santosha hingegen wurzelt in Sattva – einer Klarheit, die es uns erlaubt, aktiv zu sein, ohne von Wut oder Angst getrieben zu werden. Zufriedenheit wird oft als selbstverständlich empfunden, wenn alles im Leben gut läuft. Ihre Tiefe zeigt sich jedoch, wenn wir mit Herausforderungen konfrontiert werden.

Obwohl wir uns alle nach Harmonie und Klarheit sehnen, schwankt unser innerer Zustand ständig zwischen diesen Qualitäten. Es braucht Achtsamkeit und Übung, um sich immer wieder in Richtung Sattva zu bewegen.

Sattva bedarf einer bewussten Entscheidung

In bewegten Zeiten darauf zu hoffen, dass sich Sattva (Harmonie) von selbst einstellt, ist wenig zielführend. Warum sollten wir diese wichtige Qualität auch dem Zufall überlassen?

Gründe für Unausgeglichenheit und Unzufriedenheit gibt es viele. Ein Auslöser war für mich in dieser Woche das Verhalten eines Politikers, der einen sichtbaren Schritt aus der ursprünglichen „Mitte“ nach rechts gemacht hat. 

Ich will nicht ins Detail gehen, aber ich kann nicht leugnen, wie viel Wut und Rajas es in mir aktiviert hat und wie viele Überarbeitungen ich für den obigen Satz gebraucht habe. Meine erste Wortwahl hätte ich mit Sicherheit später bereut. 

Rajas-Handlungen sind oft überstürzt, impulsiv und übertrieben. Ihre Qualität erkennen wir meist erst, wenn der Moment vorbei ist und wir zurückrudern oder die Hände über dem Kopf zusammenschlagen wollen.

Auch persönliche Schicksalsschläge reißen uns aus der Sattva-Mitte. Am Freitag war ich bei der Beerdigung eines Ehepaares aus der Nachbarschaft, das innerhalb weniger Tage verstorben ist. Ihre beiden Söhne trugen die Urnen zum Grab und überall war Tamas (Schwere) zu spüren. Von Santosha keine Spur.

Schmerz ist unvermeidlich – Leiden ist optional

Patanjali erinnert uns in seinen Sutras daran, dass wir unser Glück selbst in die Hand nehmen müssen. Das bedeutet nicht, dass wir ständig im Gleichgewicht sein müssen. 

Schmerz ist ein unvermeidlicher Teil des Lebens, doch Leiden ist optional. Wir können wählen, ob wir uns im Leid verlieren oder Wege finden wollen, um weiterzugehen.

Das aktuelle Chaos in der Welt kann uns leicht überwältigen – es treibt viele entweder in blinde Wut (rajas) oder in Apathie (tamas). Beide Extreme sind wenig hilfreich, um sinnvoll ins Handeln zu kommen. Dafür brauchen wir einen klaren Verstand, Ruhe und manchmal auch etwas Abstand. 

Maßnahmen zum Ausgleich von Rajas und Tamas

  • Ein Spaziergang in der Natur 🌿 – Hilft, Rajas abzubauen oder Tamaszu überwinden.
  • Atemregulation 🧘 – Fördert Ruhe und Klarheit.
  • Sport & Yoga 💪 – Bringt Fokus und Balance.
  • Dankbarkeit kultivieren 🙏 – Das Gute bewusst wahrnehmen.
  • Sich an die Vergänglichkeit erinnern ⏳ – Nichts bleibt ewig, auch nicht das Schwere.
  • Im Hier und Jetzt bleiben 🔍 – Das Gedankenkarussell durchbrechen.
  • Realität checken 📢 – Fortschritte erkennen, statt nur Defizite zu sehen.
  • Sangha – Gemeinschaft suchen 👥 – Austausch mit Gleichgesinnten stärkt. Das merke ich besonders, wenn ich mit vielen anderen auf der Straße für meine Werte demonstriere. Manchmal reichen schon die Bilder aus anderen Städten, die zeigen, wie viele meine Ansicht teilen.

Mein persönlicher Favorit: Raus in die Natur. Sie zeigt uns, dass sich alles immer wieder ausbalanciert. Und ich bin fest davon überzeugt, dass Liebe, Mitgefühl und Respekt alles Dunkle besiegen werden. Diese drei Qualitäten sind ein fester Bestandteil der menschlichen Natur und werden zum Vorschein kommen, wenn die egozentrische Kraft schwindet. 

Und darum geht es auch in Patanjalis Sutren – dem Ego nicht allen Raum zu geben, sondern auf das eigene Gewissen zu hören und aus dem Herzen heraus mit Mitgefühl und Weisheit zu handeln. 

Vielleicht hilft dir die Übung der Woche, wenn du gerade von einem zu viel an Rajas oder Tamas beherrscht wirst.

Wenn du etwas mehr als eine Atemübung suchst, findest du im Yoga viele weitere Methoden. Schau doch einfach mal in unsere Veranstaltungen. Vielleicht ist ja auch für dich eine passende Auszeit dabei.

Übung der Woche

Die Wechselatmung ist eine wunderbare Übung, um aus dem Gedankenkarussell auszusteigen und das Nervensystem zu regulieren. Die Übung hilft, beide Hirnhälften zu aktivieren und wirkt ausgleichend – sowohl bei zu viel Tamas als auch bei zu viel Rajas. Und so geht’s: Nimm eine bequeme Sitzhaltung ein.

  1. Hebe den rechten Arm nach oben.
  2. Stell dir vor, du atmest durch das linke Nasenloch ein und hebe gleichzeitig den linken Arm. (Nun sind beide Arme oben).
  3. Stell dir vor, du atmest durch das rechte Nasenloch aus und senke gleichzeitig den rechten Arm. Entspanne am Ende den rechten Arm und warte bis der Impuls zur Einatmung kommt.
  4. Stell dir vor, du atmest durch das rechte Nasenloch wieder ein und hebe den rechten Arm (beide Arme sind oben).
  5. Stell dir vor, du atmest durch das linke Nasenloch aus und senke dabei den linken Arm.
  6. Ein neuer Zyklus beginnt

Mache diese Übung 5-10 Mal. Beobachte, wie sich die Atempause nach dem Ausatmen ausdehnt und wie gut es dir gelingt, den Arm in dieser Atempause wirklich vollständig zu entspannen. 

Es geht darum, den Impuls zur Einatmung abzuwarten und sich ganz darauf einzulassen. Der Impuls kann sofort kommen, es kann aber auch mal ein paar Sekunden dauern. Und erst mit der Einatmung hebe den Arm.

Ich wünsche dir viel Ausgeglichenheit und tiefe Zufriedenheit. 

Liebe Grüße
Deine Gabriele von attention.rocks ❤️

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