Die verlorene Kunst: Slow Reading im digitalen Zeitalter

Gabriele liest aus dem Buch "Achtsamkeit als Haltung"Slow Reading

Wer ist nicht schon mal im digitalen Netz hängengeblieben und kennt das Gefühl des Bedauerns, das sich nach stundenlangem Scrollen meist unweigerlich einstellt? Weit entfernt vom „Slow Reading“ finden sich zwischen belanglosen Inhalten zwar ein paar Perlen, aber auch jede Menge Werbung, die wir noch schneller überfliegen oder vielleicht sogar beim zehnten Mal anklicken.

Wer hat dabei nicht schon – neben der wertvollen Lebenszeit – sein hart verdientes Geld gelassen?

Wenn du dieses Gefühl kennst und etwas dagegen tun willst, lernst du in diesem Artikel eine Methode kennen, wie du deine Zeit im Netz besser nutzen kannst – ohne auf Unterhaltung verzichten zu müssen.

Doch werfen wir zuerst einen Blick auf die versteckten Kosten, die wir beim schnellen Scrollen zahlen und die uns oft gar nicht bewusst sind.

Aufmerksamkeit: die teuerste Währung

In den sozialen Netzwerken will jeder unsere Aufmerksamkeit für sich – egal worum es geht. Jeder Post, jede Story und jeder Beitrag lenkt unsere Aufmerksamkeit auf Produkte, aktuelle Ereignisse, Entwicklungen oder einfach nur auf Menschen, die gesehen werden wollen. „Sehen und gesehen werden“, das Motto der einstigen High Society, ist längst ein digital gelebtes Phänomen, das heute für alle gilt.

Unsere Aufmerksamkeit ist die teuerste Währung der heutigen Zeit.

Wenn wir selbst posten – ob Selfies, Unterhaltung oder Fakten – dann buhlen auch wir um die Aufmerksamkeit anderer. Wir wollen gesehen werden. Jeder Blick auf die aktuellen Likes und Views unserer Beiträge ist nichts anderes als eine Überprüfung, ob wir die Aufmerksamkeit erregt haben. Und wir sehen sogar, von wem und von wie vielen.

Unser eigener Wert wird durch diese Überprüfungsmöglichkeit an einer ganz neuen Messlatte gemessen. Doch in welchem Maß wird unseren Wert gemessen? Wissen wir denn überhaupt noch, wer wir tief im Inneren sind, was uns glücklich macht und welche Werte wir in uns tragen?

Bleiben wir noch einen Moment bei unserer eigenen Aufmerksamkeit und warum sie trotz vielen Bemühungen schwindet.

Scrollen und Scannen – die neue Realität

Die Plattformen, auf denen sich die Menschen tummeln, werden immer zahlreicher und die Auswirkungen sind deutlich spürbar. Je freizügiger und kleinteiliger wir unsere Aufmerksamkeit verteilen, desto weniger können wir sie auf das lenken, was (uns) wirklich wichtig ist.

Wir leben in einer Welt, in der unsere Aufmerksamkeitsspanne oft nicht mal mehr für ein Instagram-Reel von 90 Sekunden reicht. Der Informationskonsum vieler Menschen basiert auf blitzschnellem Scrollen, flüchtigem Lesen und dem stetig wachsenden Wunsch nach Unterhaltung. Wir sind süchtig nach Ablenkung – vom Alltag, von den eigenen Gedanken und Gefühlen.

Doch mit dem Konsum kommt zwangsläufig auch der Vergleich. Wir vergleichen uns mit den Inszenierungen anderer und sehen, was wir alles nicht sind und nicht haben. Traumhafte Locations, die wir uns nicht leisten können, weil wir kein Geld oder keine Zeit haben. Perfektes Make-Up, das die Haut makellos aussehen lässt. Ein tolles Outfit, bei dem sich alle umdrehen würden, wenn wir es tragen würden. Selbstbewusstsein, Aussehen, … du kannst die Liste fortsetzen und für einen Moment spüren, wie sich der Mangel anfühlt.

Der Preis unserer Aufmerksamkeit

Hinzu kommt der ständige Drang, auf dem neuesten Stand zu sein. Die Angst, etwas zu verpassen, hält uns im System und nährt weiter den Vergleich und die Unzufriedenheit. Der Drang ist stärker als das Schuldgefühl, wenn wir uns bewusst machen, wie viel Lebenszeit wir dadurch verlieren. Kein gutes Kräfteverhältnis!

Ich denke nicht, dass wir Studien brauchen, die zeigen, welche Nachteile exzessiver Medienkonsum mit sich bringt. Wir müssen nur in uns gehen und uns fragen, wie wir uns am Ende des Tages fühlen. Wie viele wirklich gute Gefühle erleben wir dabei? Wie viel Bedauern bleibt am Ende?

Das gilt vor allem für diejenigen, die ihre Scroll-Gewohnheiten tapfer verteidigen und zu übersehen scheinen, wir sehr ihr Selbstwert im Kampf um die Aufmerksamkeit vom Like-Verhalten anderer abhängt. Auf körperliche Aspekte wie Fehlhaltungen, Schlafprobleme oder die Folgen von Bewegungsmangel möchte ich hier gar nicht eingehen, da es mir um eine mögliche Lösung und Entschärfung des Problems geht.

Medienkonsum verstehen und dosieren – aber wie?

Das Problem mit der Ablenkung und Berieselung ist nicht wirklich neu. Früher saßen wir stundenlang vor dem Fernseher und ließen uns berieseln. Heute funktioniert die Berieselung auf mehreren Geräten und wir haben sie sogar ständig griffbereit in der Hosentasche.

Es gibt jedoch auch einen Trend, der dem entgegenwirkt. Die Beliebtheit von Yoga, Meditation und Journaling zeigt sehr schön, dass der Wunsch nach mehr Ruhe und Zufriedenheit groß ist. Es wird vermehrt nach Alternativen gesucht, um den inneren Druck zu reduzieren, die gefühlte Leere mit etwas Sinnvollem zu füllen und die Zeit bewusst in der Gegenwart und Realität zu verbringen.

Natürlich bleibt es nicht aus, dass auch daraus ein Geschäft gemacht wird. Es gibt eine Unmenge von Kursen, die uns – teilweise für unverschämt für viel Geld – helfen sollen, den „Sinn des Lebens“ wieder zu entdecken. Ich bin sicher, dass das auch kostengünstig geht und dass es jeder für sich selbst herausfinden kann.

Im Folgenden stelle ich dir eine Methode vor, die du praktizieren kannst, ohne den sozialen Plattformen den Rücken kehren zu müssen. Es ist eine Methode, die unglaublich viele Vorteile hat, ohne Nebenwirkung und mit wenig Entzugserscheinungen. Slow Reading!

Slow Reading – Verlangsamung als Trend

Slow Reading ist das bewusste und langsame Lesen von Texten. Es ist ein Ausstieg aus der digitalen Hektik, die den ständigen Drang nach Ablenkung schürt.

Die Methode wirkt nicht nur durch die „langsame“ Herangehensweise entschleunigend. Je nach Inhalt, den wir langsam und bewusst konsumieren, kann diese Form des Lesens unterhaltsam, genussvoll sein und lehrreich sein. Wir können auf entspannte Weise neue Informationen aufnehmen, unsere Fähigkeiten verbessern, unsere Konzentrationsfähigkeit erhöhen und eine tiefe und anhaltende Zufriedenheit erlangen.

Zugegeben, auf den ersten Blick erscheint die Methode nicht ganz so „aufregend“ wie ein 5-Sekunden Meme. Aber auf lange Sicht übertrifft die Nachhaltigkeit der erlebten Freude jedes Scroll-Erlebnis.

Vorteile von Slow Reading

Fünf Kriterien, die Slow Reading in der heutigen Zeit so wertvoll machen:

Stressreduktion: Slow Reading begünstigt eine ruhige, entspannende Atmosphäre für die Informationsaufnahme. Langsames Lesen hilft, Stress abzubauen und unsere mentale Gesundheit zu fördern.

Vertiefte Verständnis: Durch langsames Lesen lassen sich die Texte gründlicher erfassen und reflektieren. Dadurch steigt das Verständnis für komplexe Themen, was wiederum das kritische Denken fördert.

Konzentrationssteigerung: Die bewusste Fokussierung auf den Text kann unsere Konzentrationsfähigkeit verbessern und dabei helfen, auch im Alltag Ablenkungen zu minimieren.

Förderung der Empathie: Beim langsamen Lesen von Geschichten kann man sich tiefer in die Emotionen und Erfahrungen der Charaktere einfühlen, was die Empathie fördert und zwischenmenschliche Beziehungen stärkt.

Kulturelles Bewusstsein und Bildung: Slow Reading ermöglicht mehr Tiefe in den Themen, was das kulturelle Bewusstsein und die Bildung fördert.

Bei allen Vorteilen kann es aber auch zu inneren Widerständen kommen, wenn wir unseren Medienkonsum verändern wollen.

Das hängt damit zusammen, dass sich der Medienkonsum bei vielen schon zu einer Art Sucht entwickelt hat. Und wie bei jeder Sucht müssen wir damit rechnen, dass es zu unangenehmen Symptomen kommt, wenn der „Stoff“ ausbleibt.

Doch keine Angst – der Stoff bleibt nicht aus – er muss nur durch gehaltvolle Inhalte ausgetauscht werden und dies darf schrittweise erfolgen.

Stufe 1 – Nimm wahr, was das Scrollen mit dir macht

Wenn du das nächste Mal durch die Medien scrollst, nimm wahr, wie du dich dabei fühlst. Wie gut geht es dir wirklich dabei?

Nimm auch im Alltag wahr, wann und wie oft du das Bedürfnis hast, nach dem Handy zu greifen und in den sozialen Medien nach Unterhaltung zu suchen.

Die Wahrnehmung ist wichtig, damit du den Automatismus dahinter erkennen kannst. Der Autopilot steuert leider einen sehr großen Teil unseres Alltags und wir können nur umschalten, wenn wir ihn erkennen.

Die gute Nachricht ist: Sobald wir ihn erkennen, sind wir schon einen Schritt weiter. Jetzt kommt es darauf an, nicht gleich wieder einzusteigen.

Stufe 2 – Innehalten und Verlangsamen

Bevor du zum Handy greifst, halte inne. Nimm dir einen Moment Zeit, um dich mit deinem Bedürfnis und deiner Absicht zu verbinden. Wovon willst du dich ablenken?

Du kannst innehalten, bevor du das Handy in die Hand nimmst, wenn du von einer App zur nächsten springst oder auch während du mittendrin bist. Frage dich immer wieder, wie es dir gerade geht, warum du hier bist, was du dir davon versprichst, welches Bedürfnis dahinter steckt und ob es gerade gestillt wird.

Je öfter wir das tun, desto klarer wird die Absicht, die wir mit unserem Verhalten verbinden. Und je bewusster wir uns dessen sind, desto schneller werden wir erkennen, dass wir auf diesem Weg nur wenig ungeteilte Aufmerksamkeit und echte Wertschätzung erhalten.

Stufe 3 – Inhalte bewusst auswählen und langsam lesen

Im dritten Schritt wählen wir die Inhalte schon im Voraus aus und entscheiden uns bewusst dafür, Zeit mit dem Text zu verbringen. Das kann ein Blog, ein Post, ein Artikel oder auch mal etwas Analoges, wie eine Zeitschrift oder ein Buch sein.

Wichtig ist, dass wir uns voll und ganz der Sache widmen, ohne uns ablenken zu lassen oder parallel etwas anderes zu tun.

Um einen Anreiz dafür zu schaffen, können wir uns vorher einen Tee kochen, eine Kerze anzünden oder ein Ritual durchführen, das uns entspannt. Manchmal reicht es auch schon, sich einfach gemütlich hinzusetzen.

Wenn wir uns das zur Gewohnheit gemacht haben, dann greifen wir nicht mehr wie ferngesteuert zum Handy. Wir wählen unsere Lektüre sehr viel bewusster aus und trainieren unsere Aufmerksamkeit beim Lesen.

Stufe 4 – Nachwirken lassen

Der letzte Schritt ist etwas für Fortgeschrittene 😉 und Slow-Reading-Erfahrene.

Je weniger wir uns getrieben fühlen, desto mehr Zeit können wir uns nehmen, um das Aufgenommene nachwirken zu lassen. Im Yoga nennen wir das Nachspüren. Wir nehmen eine Haltung ein, halten sie eine Weile und spüren dann, was sie mit uns gemacht hat.

Was wir beim Yoga mit unserem Körper machen, können wir auch auf unseren Geist übertragen. Lege den Text nach dem Lesen beiseite und spüre in Ruhe nach, damit der Inhalt tief in dir wirken kann.

Fazit

Slow Reading ist eine wertvolle Achtsamkeitspraxis, die viel Ruhe und gesunde Distanz in den Konsum sozialer Medien bringen kann.

Langsames und bewusstes Lesen ist eine Kunst, um wieder tief in die Welt eines Buches oder eines Artikels einzutauchen. Slow Reading fordert uns auf, unsere Aufmerksamkeit auf eine Sache zu fokussieren.

Bei dieser Form des Lesens brauchen wir zwar unsere volle Aufmerksamkeit, trainieren sie aber auch beim Tun. Sozusagen eine Win-Win-Situation. Wir ziehen sie von oberflächlichen Dingen ab, sparen Zeit, Geld und Frust und verbessern sogar noch unsere Konzentrationsfähigkeit.

Sobald du wieder das Gefühl hast, deine Zeit mit Scrollen zu verschwenden, steig aus oder pass dein Verhalten an. Halte kurz inne und lass den Moment auf dich wirken. Frag dich: „Was hat es mir gebracht? Fühle ich mich jetzt besser? Werde ich auch in einer Stunde noch etwas davon haben? Spüre ich einen Mangel oder habe ich etwas gewonnen? Was habe ich gewonnen?“

Je geübter du im Slow Reading bist, desto besser hast du die sozialen Medien im Griff, statt im Griff der sozialen Medien zu sein.

Be free! Be you!

Viel Spaß beim Slow Reading!

Gaby von attention.rocks