Die Kunst, mit Leichtigkeit schwierige Gespräche zu führen

Zwei Ziegen Kopf an Kopf im Kampf

Wer kennt das nicht? Da gibt es diese Sache, die dringend geklärt werden müsste, aber statt schwierige Gespräche zu führen, präferieren wir den kurzen Prozess.

Je nach Veranlagung ziehen wir uns schweigend zurück, machen gute Miene zu bösem Spiel oder hauen kräftig eine rein. Das machen wir meist unbewusst, um eine ernsthafte Konfrontation mit dem Thema oder einer Person zu vermeiden. Der Preis, den wir dafür zahlen, ist hoch, denn wir schleppen ungelöste Konflikte wie eine Last mit uns herum.

Es geht aber auch anders. Mit etwas Hintergrundwissen und ein paar effektiver Methoden kommen wir (und die anderen) in der Regel unversehrt durch schwierige Gespräche.

Wir meiden sie wie der Teufel das Weihwasser

Die Gründe für die Vermeidung schwieriger Gespräche liegen tief in uns drinnen und sind uns meist nicht einmal bewusst. Es ist so, als gäbe es einen Anteil in uns, ich nenne ihn mal den „Konfliktvermeider“, der uns mit dieser Taktik schützen möchte. Negative Erfahrungen im Umgang mit Konflikten führen zu Vermeidungstendenzen, die meist mehr belasten als dass sie schützen – mal unterschwellig und mal ganz offensichtlich.

Das gilt natürlich nicht für alle Menschen. Manche haben früh gelernt, dass man Konflikte auch ohne großen Schaden übersteht. Sie haben positive Erfahrungen gemacht und besitzen ein starkes Vertrauen, dass sich alles durch Klärung aus der Welt schaffen lässt. Falls du zu dieser Gruppe gehörst, kann der Artikel trotzdem hilfreich sein, und dich für die Menschen sensibilisieren, die sich mit Konflikten schwertun und einem schwierigen Gespräch – vielleicht mit dir – aus dem Weg gehen.

Schwierige Gespräche bleiben oft ungeführt

Ein Konflikte kann aus unterschiedlichen Situationen entstehen, z.B. wenn wir uns respektlos oder unfair behandelt fühlen. Oder bei emotionalen Verletzungen, Anschuldigungen, bei Vertrauensverlust, übertriebenen Erwartungen oder Forderungen, die wir nicht erfüllen wollen.

Ich bin sicher, dass sich die Liste erweitern lässt, wenn wir überlegen, was uns emotional reagieren lässt, und worüber wir nicht gerne sprechen.

Unbewusste Tendenzen

Ich nehme mal ein Beispiel, um mögliche Reaktionen aufzuzeigen, die sicher jeder von sich selbst oder von anderen kennt.

Fall: Ein Kollege oder eine Kollegin stellt uns öffentlich bloß und verletzt unsere Gefühle. Wie könnte eine Reaktion aussehen?

  • Machen wir gute Miene zu bösem Spiel?
    Ziel: Keine Schwäche zeigen.
    Auswirkung: Wir setzen keine Grenzen und riskieren, dass es wieder passiert.
  • Hauen wir mit Sarkasmus und einer spontanen Gegenbeleidigung zurück?
    Ziel: Sich nichts gefallen lassen und andere in ihre Grenzen weisen.
    Auswirkung: Wir ziehen in den Kampf und riskieren verbrannte Erde.
  • Dulden wir das Verhalten stillschweigend?
    Ziel: Es nicht schlimmer machen und Frieden durch Untätigkeit herstellen.
    Auswirkung: Wir setzen keine Grenzen und fügen uns in die Opferrolle.
  • Machen wir dicht, ziehen uns zurück und zeigen uns unverzeihlich?
    Ziel: Wir schützen uns, in dem wir andere von uns fern halten.
    Auswirkung: Wir verlieren die Beziehung, die vielleicht durch Klärung noch stärker geworden wäre.

Vermeidungstendenzen basieren auf den Erfahrungen aus der Vergangenheit. Situationen, die wir als „unsicher“ erlebt haben und bei denen uns als Kind diese Strategie geholfen hat. Oder Verhaltensweisen, die wir von den Erwachsenen gelernt haben.

Vermeidungsstrategien sind nur vermeintlich ein Schutz, denn sie bewirken, dass diese ungeklärten Vorfälle weiter in uns gären.

Ungeklärtes macht sich breit

Wenn wir zu lange warten, kann das Ereignis im Laufe der Zeit wachsen und größer werden, als es in Wirklichkeit ist. Druck baut sich auf und wenn sich zu viel aufgestaut hat, brauchen wir ein Ventil.

Welches Ventil hilft dir, um mit Druck umzugehen?

Ich schreibe mir am liebsten meine Gefühle von der Seele. Das Schreiben hilft mir enorm dabei, mich zu sortieren und die Bedürfnisse hinter den Gefühlen zu erkennen. In schwierigen Fällen öffne ich mich auch mal bei einem vertraulichen Gespräch einer sehr engen Freundin. Das lässt den Druck raus, aber erledigt ist das Problem damit meist nicht.

Gefühle treten zwar manchmal in den Hintergrund, kommen aber immer wieder zum Vorschein – solange, bis wir sie angehen. Manchmal spüre ich, wie ich mich mit inneren Dialogen geradezu aufheize, und wie sich manchmal sogar Rachegelüste und Schadenfreude entwickelt. Das sind Emotionen, auf die ich nicht stolz bin und die nur kommen, weil noch etwas ungeklärt ist. Sie sind im Grunde genommen nur subtile Zeichen, dass ich noch eine Last im Gepäck schleppe.

Wenn ich solche Tendenzen spüre, weiß ich, dass es höchste Zeit ist für „schwierige Gespräche“.

Wie könnten schwierige Gespräche leichter laufen?

Statt musterhaft zu reagieren, macht es Sinn, sich erst einmal zu beruhigen und solange zu warten, bis man wieder einen klaren Kopf hat. Biologisch gesehen, vernebeln starke Emotionen – wie Angst und Wut – unseren Verstand. Wenn wir sehr aufgebracht sind, können wir nicht mehr klar denken und handeln auch nicht mehr rational (sofern wir das überhaupt je tun).

An der Stelle möchte ich erinnern, dass es sich bei den hier aufgeführten Fällen, natürlich nicht um „echte“ lebensbedrohliche Gefahren geht. Ich schreibe über die Fälle, in denen wir uns später wünschen, entweder nicht oder konstruktiv reagiert zu haben.

Was ist passiert?

Wenn ich ein schwieriges Gespräch vorbereite, befasse ich mich gedanklich mit der Situation und beschreibe sie so sachlich wie möglich. Was ist passiert? Was habe ich wahrgenommen und welchen Wirkung hatte das Geschehen damals auf mich? Gefühle sind eine wichtige Informationsquelle und helfen uns, Grenzen zu setzen. Dafür müssen wir sie aber erst einmal erkennen.

Gefühle zeigen uns auch, dass bei einem schwierigen Gespräch etwas auf dem Spiel steht. Wenn ich nichts zu verlieren hätte, würde ich vermutlich auch nicht so emotional reagieren und dann wäre das zu führende Gespräch auch nicht „schwierig“.

Was war die Wirkung und was steht auf dem Spiel?

Bruce Patton und Douglas Stone schreiben in ihrem Buch „Difficult Conversation“, dass jedes Gespräch auf drei Ebenen geführt wird.

Als erstes gibt es eine sachliche Ebene, bei der es darum geht, was passiert ist.

Dann gibt es die emotionale Ebene, die beschreibt, was wir wahrgenommen haben und was diese Gefühle mit uns gemacht haben. Darauf gehen wir schon weniger gerne ein, denn diese Ebene macht uns verletzlich.

Und dann gibt es noch die Identitätsebene, die mich als Person betrifft. Hier steht das Bild, das ich von mir selbst habe und das andere von mir haben sollen, auf dem Spiel  – meine Kompetenz, meine Werte sowie Liebe, Respekt und Wertschätzung von meinem Umfeld.

Bei den letzten beiden Ebenen halten wir uns unbewusst am meisten auf und machen sie nur selten zum Thema.

Wie wäre es mit einem Lerngespräch statt einem Streitgespräch? Statt in einem „Krieg der Botschaften und Zuschreibungen“ zu landen, in dem es jeder Partei nur darum geht, Recht zu haben, kann ein Lerngespräch helfen, dass ein gegenseitiges Verständnis entsteht und eine Lösung möglich wird.

Mein persönlicher Leitfaden für schwierige Gespräche

Vorbereitung

  • Ich bereite das Gespräch vor und versuche mich nochmal in die Situation hineinzuversetzen, die ich ansprechen möchte. Was hat sich aus meiner Sicht damals abgespielt? Wie habe ich mich gefühlt und was hat mich in meiner Identität so richtig erschüttert? Dabei bleibe ich ganz bei mir und lasse alle Schuldzuweisungen außen vor.
  • Ich versuche mich in die andere Person zu versetzen. Was kann sie gefühlt haben. Könnte auch für sie etwas auf dem Spiel gestanden haben, was ihre Identität betrifft?
  • Ich mache mir bewusst, dass die Wirkung, die das Verhalten der anderen Person auf mich hatte, nicht gleich deren Absicht gewesen sein muss.

Die richtige Haltung

  • Ich prüfe meine Absicht und entscheide dann, ob das Gespräch dienlich ist. Will ich nur Recht haben, oder bin ich wirklich an einer Lösung interessiert? Bin ich bereit einen Kompromiss einzugehen? Bin ich bereit, offen zu bleiben und anzunehmen, dass die Wirkung nicht gleich Absicht war?
  • Ich starte von der Perspektive eines Beobachters und formuliere die Situation, als wäre ich nur als Zuschauer dabei gewesen.
  • Dabei betrachte ich auch die Sichtweise der anderen Person und höre so achtsam und wohlwollend wie möglich zu.

Regeln für schwierige Gespräche

  • Jeder lässt den anderen ausreden
  • Offene und lösungsorientierte Haltung
  • Wirkung ist nicht gleich Absicht

Wie finde ich die richtigen Worte für den Einstieg?

Bei der Formulierung von schwierigen Themen können die 3Ws – Wahrnehmung, Wirkung, Wunsch – helfen:

Was ich wahrgenommen habe

z. B. „Heute morgen beim Meeting hast du mich vor allen Kollegen mit einem heiklen Thema sehr laut konfrontiert. Die Kollegen haben teilweise getuschelt und ich selbst war perplex und sprachlos.“

Was ich fühlte/ welche Wirkung es hatte

z. B. „Ich habe die ganze Situation als sehr unangenehm empfunden und den Ton als herablassend. Das Gefühl wirkt noch immer nach. 

Was ich mir wünsche

z. B. „Ich wünsche mir, dass du mir deine Kritik in Zukunft unter vier Augen mitteilst und dass wir einen gegenseitigen respektvollen Umgang untereinander pflegen. Können wir in Ruhe darüber reden?“

Fazit:

Wenn wir konstruktiv in schwierige Gespräche gehen, ist es hilfreich, ganz bei uns zu bleiben und nur zu beschreiben, wie wir eine Sache erlebt und wie wir uns dabei gefühlt haben. Wenn wir es schaffen, die Wirkung auf uns nicht mit der Absicht des anderen gleichzusetzen, öffnen wir eine Tür. Wir zeigen, dass es uns nicht ums Rechthaben geht, sondern um Klärung – ohne dabei eine Freundschaft, den Respekt, die Anerkennung oder Liebe zu verlieren.

Wenn wir uns verletzlich zeigen, ist es, als wenn sich eine Tür von einem Herzen zum anderen öffnet. Es mag ein Risiko sein und es macht sicher auch Angst, aber in den den meisten Fällen wird unser Mut belohnt und wir sind um eine Last leichter.

Ich wünsche dir viel Erfolg und nur wertschätzende Reaktionen beim Führen schwieriger Gespräche.

Deine Gabriele von attention.rocks

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