Begeisterung als Superpower

Begeisterung

Wer kennt sie nicht, die Begeisterung? Sie beflügelt uns, reißt uns mit und ist hochgradig ansteckend. Unsere Begeisterung ist nicht nur ein äußerst beliebter Zustand, sondern eine wahre Superpower, die unglaubliche Energien in uns aktivieren kann. Sie unterstützt uns beim Lernen, fördert unsere Problemlösungskompetenz und wirkt sich positiv auf unser Immunsystem aus.

Vielversprechend? Unbedingt, denn das sehen auch die Wissenschaftler so.

Begeisterung als Kraft

Begeisterung ist wie Elektrizität, die Licht ins Dunkel bringen und uns in Bewegung setzen kann. Sie ist eine treibende Kraft, deren Potential oft unterschätzt wird. Wer schon einmal vor Begeisterung über das Ziel hinausgeschossen ist, weiß, dass es durchaus auch mal zu Überspannungen kommen kann.

Wenn wir der Begeisterung in unserem Leben mehr Raum geben wollen – und das empfehle ich jedem – dann lohnt es sich, zu lernen, wie wir bewusst und wertschätzend mit ihr umgehen und sie im Notfall angemessen regulieren.

Woher kommt die Begeisterung?

Wann begeistern wir uns für etwas? Ich würde behaupten, dass es unendlich viele Auslöser gibt, die in uns eine Begeisterung entfachen können. Nicht jeder springt auf die gleichen an, aber es gibt gemeinsame Merkmale und günstige Umstände für Auslöser.

Im Duden wird die Begeisterung als „Zustand freudiger Erregung, leidenschaftlichen Eifers; von freudig erregter Zustimmung, leidenschaftlicher Anteilnahme getragener Tatendrang; Hochstimmung, Enthusiasmus“ bezeichnet.

Begeisterung ist ein Gemütszustand, der von einem Gefühl intensiver Freude geprägt ist und mit viel Handlungsenergie und Aktivität einhergeht. Dabei muss dieser Zustand nicht immer laut und wild sein. Begeisterung kann sich in den kleinsten Dingen ausdrücken.

Die Fähigkeit, sich für etwas zu begeistern, ist darüber hinaus eine erstrebenswerte Tugend. Sie kommt zwar nicht in den klassischen Tugendlisten der Antike oder des Christentums vor, ist aber eine positive und erstrebenswerte Eigenschaft, was ja ein wichtiges Merkmal einer Tugend ist. Die Begeisterung wird der Tugendgruppe Freude zugeordnet.

Wie bei allen Eigenschaften, Emotionen und Tugenden, gibt es die Vorstellung von einem „rechten“ Maß an Ausprägung und Ausdruck. Definiert und geprägt wird dieses Maß durch unsere Gesellschaft, Familie und Umgebung.

Wenn dieses Maß unter- oder überschritten wird, kann uns die Begeisterung abhanden kommen oder völlig ausarten.

Was hilft uns unsere Begeisterung angemessen zu regulieren oder die Energie umzuleiten?

Tugend, Untugend und Vermittler

Jede Tugend kann sich, wenn sie übertrieben wird, zu einer Untugend oder einem Laster entwickeln. Im Falle der Begeisterung kann sie sich in Übereifer, Getriebenheit bis hin zur Manie steigern.

Als Beispiel nehme ich meine Begeisterung für das Thema Achtsamkeit. Da eine achtsame Haltung nicht nur mir selbst guttut, sondern sich auch positiv auf das Umfeld auswirkt, gebe ich mein Wissen und meine Erfahrungen an andere weiter – in meinen Büchern, Kursen und meinem Blog. Jeder der mich kennt, hat meine Begeisterung schon gespürt.

Das geht so lange gut, wie ich mein Tun als Angebot verstehe und nicht erwarte, dass der Funke bei jedem gleichermaßen überspringt. Wenn ich jedoch Erwartungen an andere aufbaue, kann es leicht passieren, dass ich zu verbissen an die Sache rangehe. Und das könnte zur Folge haben, dass diese Verbissenheit in eine Art Missionierung ausartet und die Leute abschreckt. Das wiederum würde mich frustrieren und entweder noch verbissener machen oder mich resignieren lassen. Ich denke, das Beispiel macht deutlich, dass ein Zuviel weder mir noch den anderen noch der Sache dient.

Sobald wir merken, dass ein Übereifer entsteht, tun wir gut daran, ausgleichend einzugreifen.

Welches Gegenmittel gleicht aus?

Wir können mit einem ausgleichenden Gemütszustand gegensteuern. Dazu gehören Zustände, die ohne Begeisterung einhergehen, aber trotzdem einen positiven Einfluss haben. Ich betone dies, weil es auch Zustände gibt, die zwar ausgleichend sind, sich aber negativ auf unser Wohlbefinden auswirken.

Zu den positiven ausgleichenden Eigenschaften gehören z.B. die Gelassenheit, Ausgeglichenheit und Gemütsruhe. Auch hier gibt es ein gesundes Maß, denn auch diese Eigenschaften können übertrieben werden und zu Antriebslosigkeit, Trägheit oder Niedergeschlagenheit führen.

Begeisterung und Gelassenheit sind wichtige Eigenschaften, die einen enormen Einfluss auf unser Wohlbefinden haben und sich gegenseitig bedingen. Wenn wir unsere Begeisterung zu sehr dämpfen, kann unser Engagement für die Sache in Gleichgültigkeit und Untätigkeit umschlagen. Das wollen wir natürlich nicht.

Wir brauchen also eine gute Selbstwahrnehmung, um die Dynamik unserer Gefühlszustände rechtzeitig zu erkennen, sie besser zu verstehen und gut mit ihnen umgehen zu können. An dieser Stelle darf natürlich der Hinweis nicht fehlen, dass uns eine gelebte Achtsamkeit dabei enorm helfen kann.

Warum wir durch Begeisterung besser lernen

Ein gesundes Maß an Begeisterungsfähigkeit dient nicht nur unserer Lebensfreude, sie ist auch ein wesentlicher Bestandteil, wenn wir etwas Neues lernen oder uns Dinge einprägen wollen.

Die Fähigkeit, sich für etwas zu begeistern und die Freude am Lernen sind uns angeboren. Wir müssen uns nur mal kleine Kinder anschauen, die sich für alles mögliche begeistern – für ihr Spielzeug, für Tiere, Geräusche, die Natur. Sie lernen unermüdlich und mit einer Ausdauer, von der wir Erwachsenen uns eine Scheibe abschneiden können.

Aber auch Erwachsene lernen am besten, wenn sie sich wirklich für eine Sache interessieren und begeistern. Warum berücksichtigen wir das nicht in unserem Bildungssystem?

Als Jugendliche habe ich oft gedacht, ich sei nicht intelligent genug für die Schule, weil mir vieles einfach nicht in den Kopf wollte. Erst viele Jahre später habe ich erkannt, dass mir damals nur das Interesse, die Begeisterung und die Freude gefehlt haben. Sie sind mir im Schulsystem irgendwann „abhanden gekommen“.

Unsere Begeisterungsfähigkeit wird durch unsere Erfahrungen und durch unsere Erziehung begrenzt. In der Erziehung passiert das meist unbewusst und oft auch ohne böse Absicht, aber es hat trotzdem Auswirkungen auf unsere weitere Entwicklung. Ich war schon immer vom Schreiben begeistert und habe mit 12 Jahren meinen ersten Jugendroman geschrieben. Anders als in der Schule konnte ich darin aufgehen, was aber die schlechten Noten nicht wettmachen konnte.

Aussagen wie „Das ist doch brotlose Kunst“ oder „Spinnerei“ hinterließen einen tiefen Eindruck. Ich verstand damals natürlich nicht, dass dies nur eine Erziehungsmethode war, um mich zum Lernen zu „motivieren“. Glücklicherweise sind diese Zeiten für mich vorbei. Leider aber nicht für viele SchülerInnen, denen man heute noch – mit oder ohne Begeisterung – Fakten vermittelt und sich nur am Rande für das interessiert, was sie begeistert.

Die gute Nachricht ist, dass wir eine unterdrückte oder verlernte Begeisterungsfähigkeit wieder aktivieren und gezielt stärken können. Dazu später mehr.

Begeisterung ist die Grundlage fürs Lernen

Forscher aus dem Bereich der Neuropsychologie haben sich seit einiger Zeit dem Thema angenommen. Der Neurobiologe Gerald Hüther forscht zum Beispiel an der Universität Göttingen über den Zusammenhang zwischen Denken und Fühlen. Dabei hat er festgestellt, dass die beiden grundlegenden menschlichen Tätigkeiten untrennbar miteinander verbunden sind. Unsere Gefühle bestimmen dabei nicht nur unser Denken und unsere Entscheidungen. Sie bestimmen auch, ob und wie wir etwas lernen.

Nun darfst du raten, welches Gefühl dabei eine große Rolle spielt: Es ist die Begeisterung.

Hüther sagt, dass wir nur dann etwas lernen können, wenn unsere emotionalen Zentren im Gehirn aktiviert werden. Das funktioniert einerseits durch Konditionierung in Verbindung mit Belohnung und Bestrafung – was leider immer noch ein gängiges und freudloses Lernmodell ist – oder durch Interesse, durch Begeisterung und Zusammenarbeit.

Begeisterung verbindet

Begeisterung entsteht nicht nur in einem Menschen, sondern vor allem zwischen Menschen. Dies kann in der Zusammenarbeit, im Gespräch oder durch das Teilen gemeinsamer Werte und Ziele geschehen.

Ein sehr bewegendes Beispiel dafür, was geteilte Begeisterung bewirken kann, ist das „Simon Bolivar Youth Orchestra“ aus Venezuela. Kinder und Jugendliche aus allen sozialen Schichten – vor allem aber aus sehr armen Verhältnissen – erhielten eine intensive musikalische Ausbildung, die auf Leidenschaft, Begeisterung und Zusammenarbeit basierte. Die Welle der Begeisterung hat Menschen weit über die Grenzen des Landes hinaus erfasst und das Orchester mit seinen über 200 Musikern nicht nur erfolgreich sondern auch berühmt gemacht.

Wenn wir uns mit Menschen verbinden, die unsere Leidenschaft teilen und sich für die gleichen Dinge begeistern, dann kommen Kräfte zusammen, die viel bewegen können. Hier fällt mir ein schönes Zitat ein, welches die Vernunft als „Verbündete“ hinzuzieht.

Begeisterung ist ein Feuer, das die Innenwelt in Fluß erhält. Aber Vernunft muß ihr die Gußform richten, in die sich das geschmolzene Metall ergießt.

Otto von Leixner

Wie wir unsere Begeisterung stärken

  • Es gibt viele Möglichkeiten, sich mit seiner Begeisterung zu verbinden. Die wohl einfachste ist, sich selbst zu beobachten und wahrzunehmen, wenn sie uns erfasst. Sobald wir sie erkennen, können wir sie mit einem „Schön, dass du da bist“ begrüßen und wertschätzen.
  • Nimm dir jeden Tag mindestens eine Sache vor, der du nachgehst und von der du weißt, dass sie Begeisterung auslöst. Mach dir bewusst, was dich begeistert und nimm wahr, wie sich dieses Gefühl in dir ausdrückt, wie es sich anfühlt und welche Empfindungen damit verbunden sind.
  • Schreibe am Ende des Tages mindestens eine Sache auf, die dich begeistert hat und schau am Ende der Woche, was alles zusammengekommen ist. Mit der Zeit wirst du schon im Laufe des Tages darauf achten, weil du weißt, dass du am Abend eine Sachen aufschreiben wirst. 
  • Starte den Tag mit dem Entschluss, dich begeistern zu lassen von den kleinen und großen Dingen, vom Unscheinbaren und Überwältigenden. Öffne dich für Neues und schätze das, was schon da ist.
  • Schau, wie es sich anfühlt, wenn du auch das Gewöhnliche als Wunder wahrnehmen kannst. Eine Blume am Wegrand, ein Kinderlachen, ein Lächeln, der Gesang der Vögel, ein Windhauch im Haar, ein gelungenes Essen und vieles mehr.
  • Nutze die Kraft der Begeisterung, wenn du herausfordernde Aufgaben vor dir hast. Mache dir klar, warum du etwas tun willst und wozu es wichtig ist. Was wird es dir und anderen bringen? Lass dich von der Begeisterung ergreifen und lege los. Wenn du Inspiration brauchst, empfehle ich dir ein Zitat aus meiner Sammlung.
  • Teile deine Begeisterung mit anderen und erzähle davon, was du Schönes erlebt hast oder welche neue Erkenntnis du gewonnen hast. Du wirst sehen, dass deine Begeisterung oft von anderen aufgegriffen und erwidert wird. Achtung: Es gibt natürlich auch Menschen, die lieber im Negativen bleiben. Achte mal bewusst darauf, wie dein Umfeld reagiert.

Wenn du gerade eine schwere Zeit durchmachst und das Gefühl hast, dass dich jede Form von Begeisterung verlassen hat, bring eine extra Portion Geduld für die Übungen auf und mach sie trotzdem. Gefühle können auch nebeneinander existieren. Wir können traurig sein und einen Moment später voller Freude den „Geist“ von etwas in uns spüren. Die Freude wird die Traurigkeit nicht auslöschen, aber sie wird ihr zeigen, dass sie nicht die alleinige Macht über dich hat. 

Lassen wir die Begeisterung in uns aufblühen und tragen wir sie in die Welt hinaus.

Ich wünsche dir viel Freude und Erfolg dabei.

Deine Gaby von attention.rocks