Grenzen überschreiten: Wo endet „zu weit“?

Frau auf Düne

„Nur diejenigen, die riskieren zu weit zu gehen, können vermutlich herausfinden, wie weit man gehen kann.“ (T.S. Eliot)

Jeder Mensch kennt Einschränkungen, mit denen er sich in unterschiedlichen Bereichen immer wieder auseinandersetzen muss. Im privaten, in der Gesellschaft wie auch in Unternehmen gibt es Grenzen, die durch Strukturen vorgegeben sind, oder von Vorgesetzten erhoben werden oder die der eigenen Selbsteinschätzung unterliegen. Heute geht es um die selbst gesetzten Grenzen, denn genau dort können wir wachsen, wenn wir sie erst einmal erkannt und überschritten haben.

Woher wissen wir, wo diese Grenzen wirklich liegen und warum ist es dort so ungemütlich?

Ich übe das Kennenlernen der Grenzen gerne im körperlichen Bereich, denn das kann jeder spürbar nachvollziehen.

Unser Körper ist ein perfekter Lernort, denn er zeigt uns die eigenen Grenzen unmittelbar durch das Auftreten von Widerständen und einem damit verbundenen Schmerz. Wie schmerzhaft sich die Grenze zeigt, hängt damit zusammen, wie langsam wir uns an den Widerstand herantasten und wie stark wir ihn zu überwinden versuchen. Gehen wir zu schnell zu weit, riskieren wir Verletzungen.

Es ist jedem aus Erfahrung klar, dass wir nur dann flexibler und stärker werden, wenn wir die Grenzen überschreiten. Das schaffen wir, in dem wir sie ausdehnen. Als Yogalehrerin lade ich die Übenden dazu ein, mit den Grenzen zu spielen. Das ist ein wichtiger Punkt, damit sie sich nicht überfordern oder verletzen.

Ein Widerstand ist noch keine Grenze

Im Yogaunterricht üben wir dieses langsame Herantasten, wohlwissend, dass dieser Widerstand noch lange nicht die Grenze ist. Genau da fängt das Spiel erst an.

Das kannst du mit einer einfachen Übung im Stand testen. Beuge die Knie und versuche den Überkörper nach vorne zu beugen und auf die Oberschenkel zu legen. Wie weit musst du die Knie beugen, damit dein Bauch die Oberschenkel berührt? Die Arme kannst du zum Boden hängen lassen. Dann bringe langsam die Beine in die Streckung. Aber nur soweit, dass der Bauch noch Kontakt mit den Oberschenkeln hat und bis du den ersten Widerstand spürst. In den Waden oder an der Oberschenkelrückseite, im Rücken oder wo auch immer.

Was passiert, wenn du diesen Widerstand wahrnimmst und mal einen Moment dableibst?

Spüre, was sich körperlich tut und welche Gedanken dir in den Sinn kommen. Willst du gerade mehr als du kannst? Ist da Ehrgeiz?

Im Yoga sehe ich immer wieder, wie die Übenden zum Nachbar schielen, um zu vergleichen wo sie stehen. Kennst du das auch aus anderen Bereichen? Aus dem Sport, der Schule oder dem Business? Kennst du die innere Abwertung, wenn du weniger weit kommst oder den Stolz, wenn du alle anhängst?

Was passiert, wenn du dich mal nur auf dich fokussierst und versuchst, in den Widerstand hinein zu entspannen?

Das ist leichter gesagt als getan und dafür bedarf es große Aufmerksamkeit sowie eine achtsame Haltung. Schau genau hin, was geschieht, wenn der Widerstand nachlässt. Kannst du dann etwas weiter gehen und dich achtsam an den nächsten Widerstand herantasten? Was passiert, wenn du ein bisschen zu weit gehst? Kannst du deinen Willen und Ehrgeiz zurücknehmen und dich langsam, an der Grenze entlang, an einen Ort pendeln, der vorher noch „zu weit“ war?

Physische Grenzen und mentale Grenzen

Nichts anderes passiert bei der Ausdehnung unserer mentalen und emotionalen Grenzen. Jenseits unserer Grenzen sind Widerstände und die dazugehörenden Schmerzen drücken sich dort z.B. in Zweifeln und Ängsten aus.

Wie wir uns selbst wahrnehmen und wie wir unsere Fähigkeiten einschätzen, ist ein guter Maßstab dafür, wie weit wir kommen. Ich sage bewusst nicht, wie weit wir es bringen, um den bewertenden Leistungsaspekt außen vor zu lassen. Ich schreibe über den spielerischen Versuch, die eigenen Grenzen auszuloten und auszudehnen, d.h. als Mensch zu wachsen.

Wie sollen sich Fähigkeiten entwickeln, wenn wir nie Grenzen überschreiten?

Wir gehen bei diesem „Spiel mit den Grenzen“ bewusst auch mal zu weit und machen Fehler. Und? Wenn wir achtsam vorgehen, kann nichts Schlimmes passieren. Im gesunden Maße findet das Spiel an einer Stelle statt, wo unsere Fähigkeit gerade noch so ausreicht, um sich hinein entspannen zu können. Dieses „Spiel mit der Grenze“ hat viel mit Feingefühl zu tun. Mit sich und auch mit anderen, wenn wir z.B. verlangen oder erwarten, dass sie mit ihren Grenzen spielen.

Es bedarf Feingefühl für die Führungskräfte, wenn sie Forderungen stellen, welche die persönlichen Grenzen ihrer Mitarbeiter überschreiten. Und es bedarf Feingefühl für den Mitarbeiter, der feststellt, dass es gerade Widerstände gibt, die sich ungesund anfühlen. Dabei kann „ungesund anfühlen“ sehr individuell ausfallen. Was den einen schmerzt, ist für den anderen gerade mal gekitzelt.

Wieviel Zeit lassen wir uns und anderen beim Grenzen überschreiten?

Sobald wir uns mit unseren Fähigkeiten kennen und unsere Wahrnehmung für die Grenzen schulen, sind wir in der Lage, erfolgreich zu wachsen. Ein wunderbarer Seiteneffekt ist, dass wir durch diese feine Wahrnehmung auch in der Lage sind, andere besser wahrzunehmen. Das ist ein Gewinn im doppelten Sinne – im Unternehmen wie auch privat z.B. bei der Kindererziehung.

Wenn wir uns selbst achtsam durch den Dehnschmerz führen können, dann können wir im nächsten Schritt auch andere begleiten, in dem wir ihre Grenzen und Schmerzen erkennen und dafür Sorge tragen, dass es beim Dehnschmerz bleibt und Wachstum ohne Angst und Schäden erfolgen kann.

Es gibt viele Möglichkeiten die Selbstwahrnehmung zu trainieren. Mit Yoga üben wir körperlich das achtsame Spiel mit den Widerständen und schulen den Geist in gleicher Weise. Daneben gibt es Seminare, die den mentalen Prozess mehr in den Vordergrund stellen, wie z.B. das WEG-Programm von WegGestalter, welches neben den wissenschaftlich untermauerten Achtsamkeitspraktiken auch körperliche Elemente im Gepäck hat (Embodiment). Oder das bei google entstandene Search Inside Yourself. Beides sind Programme, die in Unternehmen unterrichtet werden und dessen Inhalt für viele Teilnehmer der totale Augenöffner ist.

Die Teilnehmer lernen mit alltagstauglichen Methoden ihre Selbstwahrnehmung zu schärfen, ihre Emotionen und Widerstände zu managen, und erhalten Hintergrundwissen und praktische Übungen, die ihren Alltag und das Erleben positiv verändern.

Fazit

Im Grunde genommen ist alles ein Spiel mit den Grenzen bzw. der Umgang mit Widerständen. Der wichtigste Aspekt ist, dass wir lernen, wo diese Grenze liegt, wie wir sie ausdehnen und wie wir dieses Wissen in der Führung einsetzen. Damit ist die Selbstführung gemeint wie auch die Führung anderer Menschen und Organisationen – und zwar in einem Maße, dass inneres Wachstum in einem gesunden Rahmen erfolgen kann. Denn wenn zu schnell und zu weit Grenzen überschritten werden, kommt es zu Verletzungen und das hat seinen Preis – den persönlichen Schmerz aber auch den Verlust der eigenen Arbeitskraft und somit auch den Verlust für das Team, den Kunden, die Familie und das Unternehmen.

Kennst du deine Grenzen? Kannst du so spielerisch damit umgehen, dass gesundes Wachstum wirklich Freude macht?

attention.rocks

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