Raus aus dem Simulator und rein ins Leben

Japanische KirschblütenJapanische Kirschblüten

Heute morgen ist mir beim Tagebuchschreiben bewusst geworden, wie oft wir es den äußeren Umständen überlassen, ob ein Jahr ein bedeutendes Jahr wird oder nicht. Auf einen Schlag fand ich es abstrus, wie ich vor ein paar Wochen noch über das Leben dachte. Vielleicht sogar gestern noch…

Als die Welt im März 2020 den Atem anhielt, brachte Tanja Sailer (IPY) in ihrem Newsletter eine Analogie auf, die mich faszinierte. Sie verglich dieses Ereignis mit einem globalen Kumbhaka, ein Begriff, der aus dem Yoga stammt und Atempause bedeutet.

Während ich über dieses globale Kumbhaka schrieb, ging mein Blick wie zufällig nach draußen in die Gärten zu den Obstbäumen, die in voller Blüte standen.

Ein globales Kumbhaka?

Es sah da draußen so gar nicht nach Kumbhaka aus und in diesem Moment wurde mir bewusst, wie oft sich mein Leben im Autopiloten vollzieht. Meist ohne Not! In diesem Zustand wird vollautomatisch interpretiert, dramatisiert, analysiert, kategorisiert und simuliert. Alles virtuell, nicht existent und mitnichten real. Kommt dir das bekannt vor?

Damit will ich nicht sagen, dass die Wirtschaft und das Leben, das wir gewohnt sind, nicht gerade den Atem anhält. Das tut es ganz sichtlich für viele von uns. Als Selbständige bin ich ja auch betroffen und weiß nur zu gut, dass Atemnot entstehen kann, wenn das Kumbhaka zu lange gehalten wird.

Aber das, was wir daraus machen, ist meist viel schlimmer als es ist und es ist kontraproduktiv. Gedanken im Autopiloten haben einen Einfluss auf unser Gemüt, auf unsere Stimmung und Beziehungen.

Die sozialen Medien sind voll davon und ich will mich da gar nicht rausnehmen. Auch ich habe meinen Teil dazu beigetragen und gegrübelt, welche Auswirkungen es auf mein Leben hat, welche Nachteile nun entstehen und wer die Nutznießer sind. Ich habe sogar mal darüber nachgedacht, wie wir wieder zurück zum Normalen kommen. Als ob das möglich wäre und als ob ich das wollte.

„Es wird nie mehr so sein, wie es früher nie war …“.

Das ist ein schöner Spruch, der zeigt, wie sehr wir die Realität in unserem Kopf verdrehen. Menschen sind in der Lage, einen Großteil ihrer Zeit in einer Illusion zu verbringen und mit Gedanken etwas aufrecht zu halten, was sie sich wünschen oder was sie befürchten.

Die Welt dreht sich und wenn sie eine Runde gemacht hat, in einem Tag und einer Nacht, ist sie nicht mehr dieselbe. Wir bekommen es nur die meiste Zeit nicht richtig mit, weil wir ja mit den Gedanken woanders sind. Und dann sind wir überrascht, wenn „plötzlich“ unverkennbar ist, dass nichts mehr so ist wie es war.

Was passiert, wenn wir wach sind und bewusst wahrnehmen, was ist?

Auf der anderen Straßenseite unseres Hauses wachsen seit 40 Jahren Kirschbäume über die Häuser hinweg in den Himmel. Jedes Jahr im Frühling ist es für mich ein besonderes Ereignis, wenn sie in voller Blüte stehen. Und das passiert von einem Tag auf den anderen. Es ist wie eine Explosion, und darauf kann ich mich verlassen. Jedes Jahr.

Wenn der Augenblick näherkommt, pilgere ich mehrmals täglich ans Fenster, um den Augenblick des Umschwungs mitzubekommen. Und wie jedes Jahr staunte ich vor ein paar Tagen wie ein Kind über die Schönheit dieser Kirschbäume im Frühling.

Das ist Leben. Vielleicht ist es unaufgeregt und unspektakulär, aber es ist real.

Ein Leben voller Simulation?

Nicht real sind im Gegensatz dazu die vielen Simulationen und Identifikationen, die wir im Autopiloten betreiben und zu retten versuchen. Wozu machen wir das? Warum verstricken wir uns in Gedanken über etwas, worauf wir kaum Einfluss haben?

Ich spreche jetzt nicht von der Arbeitszeit, in der wir konzentriert einer Tätigkeit nachgehen, mit der wir unseren Lebensinhalt verdienen. Oder die Zeit, in der wir reflektieren und über unsere vergangenen Handlungen und Nicht-Handlungen nachdenken, um daraus zu lernen.

Ich spreche von der Zeit, die wir laut Studien im Autopiloten verbringen und das ist ca. die Hälfte unserer Wachzeit. Wir merken gar nicht, wie oft wir in Gedanken etwas anzetteln, was unsere Stimmung unnötig in den Keller bringt.

Wenn wir im Autopiloten sind, bekommen wir nur noch schemenhaft mit, was im Außen ist. Das ist gerade genug, so dass wir uns sicher fühlen und funktionieren. Dann geht es so richtig rund im Kopf. Wir schaffen beim Denken völlig reale Emotionen und überlassen uns unseren wilden Simulationen.

Und zeitgleich verpassen wir unglaublich viel, denn es gibt nichts, was wir für später aufheben können. Jetzt ist jetzt und das ist in Sekunden schon vorbei.

Nichts kommt genauso wieder

Am Beispiel der Natur ist es sehr deutlich zu erkennen. Wir können keine einzige Blüte morgen anschauen und sehen, wie sie heute ausgesehen hat. Wir können morgen keinen Duft riechen, den der Wind jetzt gerade fortträgt.

Warum überlassen wir dem Autopiloten so viel von unserem Leben und geben uns mit dieser schemenhaften Wahrnehmung zufrieden?

Die Gegenwart ist auf den ersten Blick für unseren „busy mind“ langweilig. Aber gleichzeitig ist sie sehr viel friedlicher als das Leben, das sich in unseren Köpfen unbewusst abspielt. Denn was sind das meist für Gedanken, denen wir uns überlassen? Meinungen, Urteile und Befürchtungen – fein säuberlich in Schubladen sortiert. Das ist nicht Denken, das ist auch nicht Träumen und es ist schon gar nicht das reale Leben.

Ich wünsche mir für uns alle, dass wir lernen die Welt wieder bewusst wahrzunehmen und die Chance nutzen, dass jedes Jahr ein besonderes Jahr wird, jeder Monat ein besonderer Monat, jeder Tag ein besonderer Tag.

May you be healthy. May you be happy. May you be at peace.

attention.rocks

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