Geduld – Fluch oder Segen?

Rumi PatienceRumi Patience

Geduld bedeutet, dass man immer weitblickend das Ziel im Auge behält;
Ungeduld bedeutet, dass man kurzfristig nicht die Bestimmung begreift.

Rumi

Als ich mein erstes Bewerbungsgespräch hatte, wurde ich vom Geschäftsführer des Unternehmens nach meinen Stärken gefragt. Ich erinnere mich, dass ich innerlich fluchte, weil ein Kommilitone mir ein Buch angeboten hatte, in dem alle „guten“ Antworten zu finden waren und das ich damals dankend abgelehnt hatte. Nun saß ich da, war unvorbereitet und nahm das erste, von dem ich dachte, dass es bestimmt gut sei. Ich antwortete mit „Geduld“.

Jetzt höre ich beim Schreiben schon ein paar Oh-Gott-Rufe.

Geduld schien das letzte zu sein, was er hören wollte

In seinem Gesichtsausdruck war unverkennbar zu lesen, dass Geduld die letzte Eigenschaft war, die er hören wollte. Die Rettung kam, als er mich fragte, wie sich diese Geduld denn so im Alltag zeigt und ab dem Zeitpunkt entschied ich mich für schonungslose Ehrlichkeit. Nach meiner Antwort hatte ich sowieso nichts mehr zu verlieren. Es konnte nur noch besser werden.

Also erzählte ich von meinem Schulabbruch und gestand, dass meine zwei abgeschlossenen Ausbildungen totale Fehlentscheidungen waren und mich nicht erfüllten. Ich schwärmte begeistert von meiner Reise durch Nordamerika, um mich zu sammeln und von meinem dritten Anlauf, bei dem ich Abitur und Informatikstudium in der Regelstudienzeit durchgezogen hatte.

Im weiteren Gespräch fanden wir gemeinsam heraus, dass mich auf meinem bisherigen Weg weniger die Geduld geführt hatte als der Wunsch eine Tätigkeit zu finden, die für mich sinnvoll war und zu mir passte. Er lobte mein Durchhaltevermögen und die Widerstandskraft, die er in allem sah.

All das waren Eigenschaften, mit denen ich am Ende punkten konnte.

Und was zeigt die Realität?

Ich bekam den Job und blieb 24 Jahre in dem Unternehmen. Und jetzt ratet mal, was ich am meisten lernte und brauchte – neben dem Durchhaltevermögen und der Widerstandskraft. Geduld!

Das Unternehmen wuchs rasant und hatte zum Zeitpunkt meines Ausstiegs 90.000 Mitarbeiter weltweit. Könnt ihr euch vorstellen, wie lange es dauert, bis eine neue Idee die Großhirnrinde aller Führungskräfte durchdrungen hat? Eine Idee, welche sich in einer Hierarchie von 7 Ebenen immer dünner werdend nach oben oder unten schlängelt? Eine gefühlte Ewigkeit! Und was hilft, sie auszuhalten? Geduld!

Was denkt ihr, war erforderlich, um einen Richtungswechsel, der vom Vorstand verkündet und in allen Medien kommuniziert wurde, in wirklich jeder kleinsten Abteilung zu spüren? Geduld!

Und manchmal war Geduld angebracht, wenn wir Berge bestiegen – in Form von Projekten, Strategien oder Jahreszielen. Nicht jeder Gipfel wurde erreicht, und es gab Fehlentscheidungen, bei denen wir einsehen mussten, dass es der falsche Berg war, der gerade bestiegen wurde.

Fehlentscheidungen einzugestehen, erforderte Mut, Verantwortungsbewusstsein, Vertrauen und Loyalität. Um diese zu entwickeln, brauchte es Zeit und Geduld. Genauso wie für die Entwicklung neuer, kreativer Lösungen. Das funktioniert nicht mal so nebenbei.

Ehrenrettung der Geduld

Natürlich war auch Durchhaltevermögen und Widerstandskraft wichtig – mehr als ich je dachte. Doch es war vor allem die Geduld, die mich durch einige schwierige Zeiten rettete. Sie wurde zu einer wichtigen Stärke und trägt mich auch heute in meiner Selbständigkeit.

Geduld lässt mich dranbleiben bis sich das ersehnte Ergebnis einstellt. Sie hält mich am Gehen, wenn meine Vision (*) nur in kleinen Schritten vorankommt. Und sie ist das, was ich brauche, um zu wachsen und neue Fähigkeiten, Routinen und Gewohnheiten zu etablieren.

Als ich heute morgen das Zitat von Rumi las, dachte ich sofort an mein damaliges Einstellungsgespräch und fragte mich, warum Geduld einen so schlechten Ruf hat. Jeder braucht sie, aber niemand will sie haben.

Geduld hat den Ruf, wie das Fahren mit angezogener Handbremse. Dabei schafft sie genau das Gegenteil. Sie hilft dabei, Widerstände zu lösen.

Sobald ich einen Widerstand erkenne – meist durch eine achtsame Beobachtung – hilft mir Geduld, einen Weg zu finden, diesen Widerstand zu überwinden. Das kann enorme Freiheit mit sich bringen, z.B. wenn ich den Frust auflöse, dass etwas noch nicht so ist, wie ich es JETZT gerne hätte. Erst dann öffne ich mich für weitere Möglichkeiten, wie es noch sein könnte.

Geduld und Achtsamkeit

Das ideale Eigenschaftspaar ist meines Erachtens nach „Achtsamkeit“ und „Geduld“. Sie sind Eigenschaft und Fähigkeit zugleich, denn jeder kann sie erlernen und trainieren. Die Begrifflichkeit möge an dieser Stelle ausnahmsweise nicht Kern der Diskussion sein, da die Abgrenzung der Begriffe wieder ein Thema für sich ist, um das es mir jetzt nicht geht.

Achtsamkeit hilft mir, einen scheinbar mühevollen Weg mit einer wachen Haltung zu gehen und zeitig Pausen einzulegen. Sie lehrt mich, zurückgelegte Strecken zu bewundern, einen tollen Ausblick wertzuschätzen und Pausenbrote zu verteilen.

Pausenbrote sind enorm wichtig, damit das nächste Stück mit voller Kraft und Laune bewältigt werden kann.

Bei meinem damaligen Arbeitgeber gab es jede Menge ordentlicher „Pausenbrote“. Darin war das Unternehmen unglaublich großzügig und wir Angestellten wurden sehr verwöhnt. Es waren aber nicht die Pausenbrote, weswegen ich und so viele andere dabeiblieben. Es war die Aussicht, die wir uns oben versprachen, und es war das Team, mit dem wir gemeinsam das gleiche Ziel vor Augen hatten. Wir brauchten oft und viel Geduld und manch einer ist auf der Reise ausgestiegen. Dafür sind andere hinzugekommen. Einzig wichtig war, dass jeder wusste, warum die Reise gemacht wird und wo sie hingeht. Konnte das vermittelt werden, dann klappte es auch mit der Geduld.

Was sind deine Erfahrungen mit dem Thema? Ist Geduld Fluch oder Segen?

attention.rocks

*) Vision von einer wertschätzenden und an persönlichen Stärken orientierten (Selbst)Führung

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