Die Faszination der Geschichten anderer

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Als ich mit dem Bloggen anfing, wollte ich die Themen, die mir am Herzen liegen, mit Hilfe meiner eigenen Geschichten vermitteln. Ich fragte mich, welche Zutaten eine spannende und wertvolle Geschichte braucht, und fand die Antwort in den Geschichten anderer. Eine blieb mir besonders in Erinnerung und veränderte grundlegend meine Art zu schreiben und zu lesen.

In einem Blog-Beitrag eines CEOs, den ich persönlich kannte, ging es um eine wirklich krasse Niederlage, die sein Leben total auf den Kopf gestellt hatte. Er erzählte die Geschichte ungeschönt und zeigte sich dabei sehr verletzlich. Ich fühlte mich tief berührt. Diese Niederlage so offen darzulegen und damit die eigenen Unzulänglichkeiten und Schwächen zu zeigen, fand ich extrem mutig und beeindruckend. Wir alle kennen Niederlagen. Sie sind Teil des Lebens, selbst wenn wir sie mit allen Mitteln vermeiden oder vertuschen wollen. Ich spürte damals beim Lesen eine tiefe Verbindung und Botschaft.

Gute Geschichten lassen uns die Botschaft spüren

Es waren die Gefühle des Geschichtenerzählers, die diese Story für mich wertvoll machten. In dem Augenblick, in dem ich meine eigenen Emotionen wahrgenommen habe, bin ich in Resonanz mit der Geschichte gegangen. Dadurch hatte ich die Chance, die Botschaft dahinter zu erfahren, anstatt sie nur zu verstehen.

Diese Erkenntnis hat mir aus Sicht einer Geschichtenerzählerin damals nicht sonderlich gefallen. Es verunsicherte mich, öffentlich zeigen, wie verletzlich ich bin und ich dachte, wie viel einfacher es doch wäre, ein paar weise Sprüche von mir zu geben oder der Welt mit meinen Worten zu erklären, was sie eh schon weiß.

Zögerlich begann ich beim Schreiben zu experimentieren, wie viel ich von mir selbst preisgeben muss, damit meine Geschichte eine Wirkung hat. Dabei passierte etwas Wunderbares. Durch das Teilen meiner Gefühle entstand Akzeptanz, Mitgefühl und Verbindung.

Warum geht das so gut mit fremden Geschichten und was passiert dabei?

Wir spüren in fremden Geschichten eine Schwingung und wenn wir mitschwingen, bezeichnen wir das als Resonanz. Wenn wir in Resonanz gehen, hängt das immer mit unseren eigenen Geschichten zusammen. Fremde Geschichten laden ein, sich zu reflektieren und trotzdem in absoluter Sicherheit zu bleiben – denn es sind ja nicht die eigenen Geschichten.

In Resonanz sein mit fremden Geschichten

Warum brauchen wir fremde Geschichten und diese vermeintliche Sicherheit?

Wir alle haben blinde Flecken, wenn es um die eigenen Themen geht. Sie sind das, was wir entweder nicht sehen wollen oder wo der Blick aus gutem Grunde nicht (mehr) hinkommt.

Auch wenn wir die blinden Flecken nicht sehen, können wir sie doch erahnen und spüren, sobald wir mit ähnlichen Themen von anderen in Kontakt kommen. Je nachdem, wie wir diese Themen bewerten und dazu stehen, bringen sie weitere Gefühle mit sich.

Die Geschichte des CEOs hat mich an meine eigenen Niederlagen erinnert. Ich spürte körperlich, wie es war, zu versagen und allen Blicken ausgeliefert zu sein. Ich war in Verbindung mit meinen Gefühlen und Scham war ganz oben mit dabei. Alleine bei dem Wort zog sich bei mir innerlich alles zusammen.

Das Faszinierende jedoch war, dass ich diese Gefühle aus sicherer Entfernung erlebte, denn es war ja nicht meine Geschichte. Und dadurch konnte Mitgefühl und Verbundenheit aufkommen – mit dem Geschichtenerzähler und mit mir.

Gefühle sind gute Zutaten einer Geschichte. Das kann ein angenehmes, berührendes, unangenehmes oder subtiles Gefühl sein. Es darf auch Widerstand verursachen. Gefühle sind Zeichen dafür, dass in der Geschichte etwas steckt, was auch zu dir selbst gehört.

Was tun, wenn ein Gefühl auftaucht?

Wenn du dich von einer Geschichte berührt fühlst, kannst du dir aus sicherer Entfernung die Frage stellen: „Warum geht das so sehr in Resonanz mit mir und was hat diese fremde Geschichte mit mir zu tun?“ Nimm wahr, welche Gefühle im Detail damit verbunden sind und welche Ideen aufkommen. Wichtig ist, dass du im Spüren bleibst, statt gleich ins Denken zu gehen. Gib deiner Intuition die Chance, selbst Ideen zu generieren. Lass sie dich finden.

Die eigenen Themen in fremden Geschichten zu erkennen, kann dir dabei helfen, sie anzunehmen und besser zu verstehen. An dem Punkt fühlst du dich vermutlich schon nicht mehr so alleine mit dem Thema, weil die Geschichtenerzähler offensichtlich im gleichen Boot sitzen.

Gemeinsamkeit verbindet und Verbindung stärkt

Gemeinsamkeiten verbinden Menschen auf magische Weise miteinander. Jede Verbindung kann tröstlich sein und Gefühle auslösen, die es dir leichter machen, dich dem Thema zu stellen.

Spannend sind fremde Geschichten besonders dann, wenn beim Lesen etwas gefunden wird, was du weder gesucht noch erwartet hast. Manchmal ist da vielleicht ein Zusammenhang, der zwischen den Zeilen steckt und nur für dich erkennbar ist. Dann vermischt sich zwischen all den gedruckten Buchstaben die fremde Geschichte mit deiner eigenen Persönlichkeit. Und genau da offenbart sich der tiefere Wert einer Geschichte, der für jeden individuell ist. Diesen Wert kennen nicht einmal die Geschichtenerzähler.

Resonanz funktioniert durch Schwingung und Mitschwingen

Um von fremden Geschichten wirklich zu profitieren, ist die Grundvoraussetzung, mit sich in Kontakt zu sein. Spür in dich, nimm die Schwingungen wahr und gib jedem Gefühl den Raum, sich ausdrücken zu können. Mit dem notwendigen Maß an Achtsamkeit kannst du wahrnehmen, wenn sich etwas im Inneren bewegt und den Moment erhaschen, wenn der Blick weit wird – vielleicht so weit, dass die blinden Flecken ins Sichtfeld kommen.

Wenn du wissen willst, wie du deine Achtsamkeit für solche Momente schulen kannst, findest du hier mehr zu diesem Thema. Für alle, die sich schreibend mit ihren Gefühlen auseinandersetzen möchten, könnte Journaling eine gute Methode sein.

Be Free! Be You!

attention.rocks

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